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    Brasilianischer Rassismus - Black Power

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      Die höfliche Revolution

      Lange war der brasilianische Rassismus ein Tabu. Bis heute haben die Schwarzen keine politische Lobby. Aber sie haben eine starke Kulturtradition. Darauf setzt die junge Black-Power-Bewegung

      Von Evelyn Finger, aus Die Zeit
      http://www.zeit.de/2004/40/Black_Atlantic

      Die Revolution beginnt, wie jede andere Abendveranstaltung in Brasilien auch, mit einer halben Stunde Verspätung. Für den pünktlichen Zaungast aus Europa ist allerdings schwer zu erkennen, dass es sich überhaupt um eine Revolution handelt. Er könnte sie leicht als Party missdeuten, als Ausdruck der viel gepriesenen südamerikanischen Festkultur, in die er durch einen wunderbaren Zufall hineingeraten ist, milagrosamente, wie vor über 500 Jahren schon der portugiesische Entdecker Pedro Álvares Cabral, als glückliche Winde ihn statt nach Indien an die Küste des heutigen Bundesstaates Bahia verschlugen. Milagrosamente, schrieb damals der König von Portugal an den König von Spanien, und bis heute hat die Kategorie des Wunderbaren einen festen Platz in den Reiseberichten der Brasilien-Fans. Der europäische Zaungast jedenfalls glaubt die romantische Szenerie, die sich vor ihm auftut, längst zu kennen. Gut gelaunte Leute in frisch gebügelten weißen Kleidern schlendern über den Rathausplatz von Salvador da Bahia. Hinter ihnen leuchtet der Hafen, vom Meer herauf weht ein laues Lüftchen, und die Tore des Paço Municipal sind einladend geöffnet. Doch vor der vertrauten Kulisse des grobschlächtigen Kolonialbaus, wo normalerweise der Stadtrat tagt, wird sich gleich ein historisches Ereignis abspielen.Bahianische Frauen in den traditionellen Kleidern des Candomblé versammeln sich bei einem Fest zu Ehren der Meeresgöttin YemanjáFoto: Bernd Euler/Visum

      Heute besetzen zum ersten Mal schwarze Politiker, schwarze Künstler, schwarze Frauenrechtlerinnen, Priesterinnen und Akademiker gemeinsam den Plenarsaal, um über die Belange der Afrobrasilianer zu reden. Das ist sonst nicht üblich im Stadtrat von Salvador, einer Millionenstadt, die als Hochburg des Sklavenhandels zweifelhaften Ruhm erlangte und deren Einwohnerschaft heute zu mindestens zwei Dritteln aus Schwarzen besteht. Nicht üblich ist in Brasilien auch, das Wort Rassismus zu benutzen. Die meisten Brasilianer sind stolz, dass so etwas Hässliches in ihrem schönen Land nicht existiert – einem Land, das länger als jedes andere, fast 350 Jahre lang, von der Sklaverei lebte, in das zehnmal mehr Afrikaner verschleppt wurden als nach Nordamerika und dessen Bevölkerung heute zu über vierzig Prozent eine dunkle Hautfarbe hat, während die Regierung weniger als zehn Prozent farbige Abgeordnete zählt.

      Das Besondere am brasilianischen Rassismus ist, dass er bis heute geleugnet wird. Viele Schwarze haben die Scham darüber, diskriminiert zu werden, so verinnerlicht, dass sie es tunlichst vermeiden, sich als Schwarze zu bezeichnen. Bemerkenswert ist außerdem die Verspätung, mit der sich hier eine Black-Power-Bewegung formiert hat, und schließlich die spezielle afrobrasilianische Ästhetik des Widerstands. Am Dienstagabend, dem 31. August, sind vorm Paço Municipal weder kämpferische Plakate zu sehen noch zornige Sprechchöre zu hören. Stattdessen herrscht gedämpfte Feiertagsstimmung, ein halb erwartungsfrohes, halb banges Atemanhalten. Das Aufsässigste, was man zunächst zu sehen bekommt, ist ein schüchterner Rastafari-Teenager mit gelb-rot-schwarz-grüner Mütze, auf dessen Trikot eine geballte Faust abgebildet ist, darunter steht »Basta!« und im Kleingedruckten die höfliche Aufforderung: »Sag nein zur religiösen Intoleranz!«

      Gern Samba-Kurse für Favela-Kinder, aber ungern Uni-Seminare für Arme

      Ansonsten wimmelt es von eleganten jungen Erwachsenen mit kühnen Brillen und hoch aufgetürmten Theaterfrisuren. Allenthalben breites Willkommenslächeln. Boa noite, amigo! Tudo bem? Ja, alles gut, Küsschen, Küsschen. Aber dann, endlich, horchen die Massen auf. Den getäfelten Saal, der bis auf den letzten Fenstersims besetzt ist, betritt eine kleine runzlige Frau im prachtvollen Ornat der Candomblé-Priesterinnen, eine Mãe de Santo. Es regnet Blütenblätter, es trommeln die Trommler von der Bando Teatro de Olodum, dann hält eine Abgeordnete der kommunistischen PC do B zu Ehren der Priesterin, die für ihr soziales Engagement heute eine Ehrenmedaille bekommt, eine kämpferische feministische Rede. Es ist eine seltsame Allianz zwischen Atheismus und Okkultismus. Dazu muss man allerdings wissen, dass in Salvador praktisch jeder eine Beziehung zu der synkretistischen Religion Candomblé pflegt. Die meisten verehren offen, die anderen heimlich ihre persönlichen Favoriten aus der vielköpfigen Götterfamilie der Orixás, die auf den Slavenschiffen von Nigeria, Angola, Benin herüberkam und (da die Sklaven gezwungen wurden, zum Christentum zu konvertieren) sich mit den katholischen Heiligen aufs bizarrste mischte.

      Vielleicht ist diese Mischung überhaupt das wichtigste Charakteristikum Brasiliens. Ihre Bewunderer vergessen leider gern, dass die herrliche Einheit der Gegensätze gewaltsam erzwungen wurde. »Seit Jahrhunderten« fuße diese Nation »einzig auf der ungehemmten Durchmischung, der völligen Gleichstellung von Schwarz und Weiß und Braun und Gelb«, behauptet Stefan Zweig 1941 in seinem hymnischen Essay Brasilien, Ein Land der Zukunft. Brasilien habe das Problem des friedlichen Zusammenlebens »trotz aller disparaten Rassen, Klassen, Religionen und Überzeugungen« vorbildlich gelöst. Offenbar benebelt von der Freundlichkeit seiner Gastgeber, hat Stefan Zweig übersehen, dass die Vielfalt der Hautfarben unterm Regiment brutaler Kolonialherren entstand und dass die moderne brasilianische Gesellschaft von hartnäckigen Widersprüchen geprägt ist. Heutzutage fördert sie zwar die Rückbesinnung auf afrobrasilianische Kultur, bestreitet aber weiterhin die Benachteiligung der Afrobrasilianer auf dem Arbeitsmarkt. Sie unterstützt Samba-Kurse für Favela-Kinder, wehrt sich aber gegen studienvorbereitende Seminare für schwarze Universitätsbewerber. Sie respektiert manche ihrer dunkelhäutigen Dienstmädchen als Kontaktpersonen zu den afrikanischen Göttern, denkt jedoch nicht daran, die ökonomische Position dieser Mädchen zu verbessern. Auch die Benachteiligten selbst haben über Generationen gelernt, das Paradoxe als normal zu empfinden, und die legendäre gute Laune der Brasilianer beruht wohl auch auf einer unendlichen Duldsamkeit.

      An diesem Dienstagabend im Paço Municipal jedenfalls hört es sich ganz so an, als sprächen die jungen Künstler, die erprobten Kommunisten und die heiligen Mütter aus einem Munde. Chancengleichheit und Religionsfreiheit, da nicken alle, man kann das feierliche Einverständnis im Saal spüren, und am Schluss bringt die Mãe de Santo vor Rührung kaum ihre Dankesworte heraus. »Ich hoffe, dass dieses Haus eines Tages von schwarzen Frauen und Männern regiert werden wird«, sagt sie unter Tränen, aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Für so einen Satz braucht man in diesen Hallen noch immer Courage. Er ist ein politischer Affront, man merkt es am triumphierenden Applaus. Wie zur Bekräftigung wird dann wieder getrommelt, es sind die anschwellenden Olodum-Rhythmen, die wir aus Michael Jacksons 1996er Arme-Leute-Hit They Don’t Care About Us kennen, sie hallen von den kalten Mauern des Plenarsaals imposanter wider als draußen auf der Straße. Jackson hat damals den Soundtrack gleich hier um die Ecke aufgenommen, fünf Minuten vom Paço Municipal entfernt drehte Spike Lee das Video. Bahias schwarze Percussionisten in ihrer Bescheidenheit glauben, dass das ein großer Moment für sie war, tatsächlich war es umgekehrt: Die Pop-Ikonen durften sich noch einmal der Illusion von einer authentischen panafrikanischen Kultur hingeben. Die Bando Teatro trommelt jetzt sehr laut und optimistisch, aber davon darf man sich erst recht nicht täuschen lassen. Die meisten Musiker werden nach gewonnener Schlacht brav zurück in ihre Elendsquartiere fahren.

      Auch das ist eine brasilianische Besonderheit, dass der antirassistische Widerstand erklärtermaßen gewaltfrei ist. Hier hat es keinen Malcolm X gegeben, der späte Rache an den Kindeskindern der Sklaventreiber gepredigt hätte. Vielleicht deshalb konnte Stefan Zweig auf die Idee verfallen, dass die Sklaven hier »verhältnismäßig human« behandelt worden seien, so wie nirgendwo sonst. Die Geschichte des schwarzen Widerstandes beginnt in Brasilien zwar früh, etwa um 1600, mit den Quilombos, geheimen Siedlungen entlaufener Sklaven, die sich erbittert gegen ihre Herren verteidigten; bis heute existieren einige Fluchtburgen noch als Kooperativen. Genuin politische Gruppen jedoch, die für die Rechte der Schwarzen eintraten, wie etwa die Caifazes aus São Paulo, hatten stets die größten Schwierigkeiten. Zu einer Zeit, als in Nordamerika radikale Denker wie Marcus Gravey und W.E.B. Du Bois hervortreten, begründet der Soziologe Gilberto Freyre den Mythos von der brasilianischen Rassendemokratie: Brasilien könne als Gegenmodell zu dem rassistisch vergifteten Europa dienen.

      Freyre konnte sich vor allem auf das Fehlen von Apartheids-Gesetzen berufen. Noch in den fünfziger Jahren wollte die Unesco nachweisen, wie vorurteilsfrei die Brasilianer einander begegnen, belegte aber das Gegenteil. Nun hätte die Négritude, die 20 Jahre zuvor in den intellektuellen Salons von Paris en vogue war, endlich neu diskutiert werden können. Aber da steuerten die Brasilianer, derweil Martin Luther King in den USA gegen Rassentrennung predigte, bereits auf eine Militärdiktatur zu. Fragen der Diskriminierung wurden tabuisiert, Bürgerrechtler ins Exil gedrängt, und der Staat unterdrückte ein offenes Bekenntnis der Afrobrasilianer zu ihrem Erbe: sei es zum Candomblé, sei es zu dem Kampftanz Capoeira.

      Diese schwierige Geschichte muss man mitdenken, wenn man die altmodische Black-Power-Euphorie an einem zufälligen bahianischen Dienstagabend verstehen will. In Wahrheit ist die schwarze Community, die sich im Paço Municipal so einträchtig feierte, gänzlich zersplittert. Über tausend Organisationen haben sich seit dem Ende der Militärdiktatur gegründet, die disparaten Interessen, die man nun endlich laut artikulieren durfte, ließen sich auch unter dem Dachverband MNU, dem Movimento Negro Unificado, nicht versammeln. »Wie fühlt man sich als Problem?«, hat W.E.B. Du Bois 1903 sarkastisch gefragt. Während jüngere Regisseure dieser Tage im fernen Berlin auf dem Festival Black Atlantic über subtile Fragen schwarzen Kulturtransfers diskutieren, während sie sich mit dem Soziologen Paul Gilroy über den Reimport afrobrasilianischer Folklore austauschen oder über die Identitätsstiftung in der Diaspora, kämpfen daheim die Frauenrechtlerinnen von Geledés, dem Instituto da Mulher Negra, gegen niedrige Löhne an.

      Die Königinnen thronen auf ihren klapprigen Campingstühlen

      Mühselig werden sie das politische Establishment, Präsident Lula da Silva inklusive, zu der Einsicht zwingen müssen, dass schwarze Frauen in Brasilien besonders benachteiligt sind. Man vergisst das leicht, wenn man an der Hand einer stolzen und mächtigen Mãe de Santo vom Paço Municipal ins Altstadtviertel Pelourinho hinaufsteigt. Der Pelourinho, benannt nach dem Schandpfahl, an dem die Portugiesen einst zur Abschreckung öffentlich Sklaven auspeitschten, ist das Zentrum des Zentrums des schwarzen Brasiliens und zugleich seine kulturindustrielle Persiflage. Vor den bunt restaurierten Barockfassaden sitzen rund um die Uhr die üppig geschmückten Baianas, schwarze Frauen in weit ausladenden Kleidern, die für wenige Reais scharf gewürzte Delikatessen verkaufen. Wie Königinnen thronen sie auf ihren klapprigen Campingstühlen, und hinter ihnen, entlang der buckligen Kopfsteinpflasterstraßen aus dem 17. Jahrhundert, reihen sich die Läden mit Olodum-TShirts. Die Trommler von Olodum verkörpern wie keine andere Gruppe den Erfolg und die Krise der afrobrasilianischen Neofolklore. Gegründet Mitte der Siebziger als schwarzer Karnevalsverein mit politischem Ziel, gegen das Spaßmonopol der Weißen, haben sie die Emanzipationsbewegung beflügelt und sich gleichzeitig zu einem Kulturtrust (mit eigener Kreativschule, Tanzkompagnie) entwickelt.

      In der Casa Olodum, mitten im Pelourinho, kann man die alten Fotos der trommelnden Jungs besichtigen, die damals, als alles anfing, buchstäblich nichts besaßen als ihr Faible für den Reggae und ihre Verehrung für die Symbolfiguren der Schwarzenbewegung. Im Versammlungsraum hängen die Plakate von Malcolm X, Nelson Mandela, Bob Marley noch heute einträchtig zusammen – wenn es um die große Freiheit geht, muss man gewisse Meinungsverschiedenheiten wohl ignorieren können. Viele Salvadorianer behaupten allerdings, Olodum habe seine Mission verraten. Aber was heißt Verrat? Bedeutet echte Emanzipation nicht auch, sich vom Zwang zum politischen Lied emanzipieren zu dürfen? Treu geblieben sind sich die schwarzen Kulturaktivisten insofern, als sie sich auch heute automatisch fürs Soziale zuständig fühlen, genauer gesagt: für die Kinder der Armen. Gerade haben sie in der Casa Olodum ein paar neue abgeschrammte Bildschirme eingestöpselt. Computer und Trommeln, da besteht für pragmatische Dissidenten kein Widerspruch, denn einen Computer kann sich ein armes Kind genauso wenig leisten wie Musikunterricht. Wenn überhaupt jemand in Brasilien auf die langfristige Wirksamkeit von Ideen setzt anstatt auf schnellen Gewinn, dann sind es solche Kulturinitiativen. Sie tragen die Überzeugung in die Favelas, dass gerade die Ärmsten etwas Sinnvolles lernen müssen, weil Bildung ihre einzige Chance ist.

      Und so wie vor fast einem halben Jahrtausend die Jesuiten ihre improvisierten Schulen aufbauten, so hartnäckig verteidigen die Mães de Santo und die Mestres de Capoeira heute ihre mit wenig Geld, aber viel Zivilcourage betriebenen Kulturinseln. Es geht ja hier nicht um die Aufhübschung einiger Armenviertel. Wer auf zerklüfteten Nebenstraßen hinausfährt in die schmutzigen, hoffnungslosen Vororte, wo es an allem fehlt, an sauberem Wasser, an Essen, an Schulheften und vor allem an Energie, sich um die Kinder zu kümmern, und wer dann plötzlich ein Candomblé-Terreiro betritt, wo die Kinder nachmittags singen, wo es Bücher gibt, wer dann in eine Capoeira-Baracke hineinschaut, wo sie hingebungsvoll ihre Rodas tanzen, der wird die rettende Kraft des Schönen erst schätzen lernen.

      Bei Ilê Aiyê, dem ersten der Blocos Afros von Salvador, gegründet 1974, haben sie es geschafft, ihrem eigenen Kampf für das Schöne und Gute ein Denkmal zu setzen. Seit einem Jahr residiert der Bloco in einem imposanten Kulturzentrum, das wie ein Palast aus dem Armenviertel Liberdade herausragt. Es ist rot und weiß und sauber, es gibt richtige Unterrichtszimmer, eine Bühne, Probensäle, und die Computer sind neu. Allerdings kann man hier nicht mehr unangemeldet hereinschneien. Hier muss man dazugehören, der Verein wird regiert wie ein Großunternehmen, und mit dem Präsidenten Vovo de Ilê Aiyê kann man genauso wenig über die Idiosynkrasien in seinem Herrschaftsbereich diskutieren wie mit seiner Mutter Mãe Hilda, der Gründerin von Ilê Aiyê. Sie ist übrigens eine berühmte Candomblé-Priesterin, trotzdem behauptet ihr Sohn Vovo, Karneval und Candomblé hätten nichts miteinander zu tun. Vielleicht will er bloß eine Diskussion darüber vermeiden, was eigentlich die Politiker und die Konzerne, die die Karnevalisten umbuhlen, mit dem Candomblé zu tun haben. Manche Dinge muss man eben akzeptieren, genau wie die Unterwerfungsrituale in den Terreiros. Da thront dann eine geschmückte Mãe Hilda auf einem verschnörkelten Stuhl und nimmt die Huldigungen der jungen Leute entgegen. Huldigen heißt, sich der Länge nach auf den Boden zu werfen, dann die Füße der Mãe zu küssen, dann den schmutzigen Beton, noch mal die Füße, dann entfernt man sich unter vielem Gebücke. Sind solche frommen Übungen gut für Leute, die endlich aufhören sollen, sich inferior zu fühlen?

      Es gibt in Brasilien wie in jedem Land Widersprüche, die auch von selbstlosen Aktivisten schwer zu lösen sind. In den Favelas kann keine Samba-Schule ohne Duldung der Drogenbosse existieren. Die kommunalen Bildungsprojekte für Schwarze halten oft nur bis zur nächsten Wahl. Und unter den namhaften Blocos Afros ist keiner, der nicht von den Werbeetats eines Unternehmens abhängig wäre. Die Vermarktung, also Korrumpierbarkeit des antirassistischen Widerstandes ist heute ein machtvolleres Tabu als der Rassismus selbst.

      Die Floskel »angenehmes Äußeres« bedeutet »möglichst helle Haut«

      Am ehesten kann man darüber mit den schwarzen Kommunisten der ersten Stunde reden, solchen wie Gilberto Leão, der einer kürzlich gegründeten Regierungskommission für afrobrasilianische Belange angehört und den Abend im Paço Municipal moderiert hat. Er sitzt in einem winzigen Altstadtbüro, er trägt ein blaues Politikerhemd, aber ohne Krawatte. Wie die Oligarchen die Candomblés umwerben, das bringt ihn in Rage. Und dass neuerdings vier schwarze Minister zur Regierung gehörten, sagt Leão, damit lasse er sich auch nicht trösten. Man müsse sich nur ansehen, welche Ministerien das seien: Umwelt zum Beispiel oder Sport, aber keines der Schlüsselressorts wie Wirtschaft, Außenpolitik. Stattdessen Kultur, das macht natürlich der unvermeidliche Gilberto Gil, der Pelé des Kulturbetriebs. Nach außen repräsentieren schwarze Künstler die Nation, aber in der sozialen Pyramide, sagt Leão, bleiben die Schwarzen ganz unten.

      Wahrscheinlich ist die systemstabilisierende Wirkung der politisch engagierten afrobrasilianischen Kultur von den Engagierten selbst noch gar nicht begriffen worden. All die Capoeira-Schulen, die Tanzkurse erwecken die Illusion, dass es den Unterprivilegierten besser gehe als früher. Trotzdem haben auf dem Arbeitsmarkt Schwarze weiterhin die schlechteren Chancen. Die verlogene Floskel aus den Stellenanzeigen, »angenehmes Äußeres« (gemeint ist: möglichst helle Haut), bleibt populär. Und solange sich nicht die Einsicht durchsetzt, dass man die Zahl schwarzer Studenten nicht allein durch Quotenregelungen erhöhen kann, sondern vor allem die kostenlose Schulbildung verbessern muss, werden Debatten um den Unterschied zwischen afrikanischer Tradition und afrobrasilianischer Gegenwartskunst marginal bleiben, wird die Kunst nicht Kunst sein dürfen, werden Politiker sich darauf verlassen, dass Künstler sich um die Probleme kümmern, die die Politik lösen müsste.

      Erst wenn sich das ändert, werden vielleicht sogar desillusionierte schwarze Intellektuelle der ersten Stunde wieder an Brasilien glauben, wie die Regisseurin Tereza Santos, Jahrgang 1938. Sie war eine der ersten schwarzen Philosophiestudentinnen, eine der ersten erfolgreichen afrobrasilianischen Schauspielerinnen und wahrscheinlich die einzige kommunistische Exilantin, die je Regie geführt hat bei einem Jubiläumsspektakel der Volksrepublik Angola. Heute sitzt sie in ihrer mit afrikanischen Gemälden tapezierten Wohnung, aber sie erinnert sich noch genau an den ersten Jahrestag der Unabhängigkeit Angolas, ihre Inszenierung muss wohl ein bisschen ausgesehen haben wie die Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin. Ja, sagt Kamerad Tereza, wie sie sich selbst ironisch nennt, in Ost-Berlin sei sie damals auch gewesen und in Moskau natürlich, aber hauptsächlich unten in Angola und Guinea-Bissau, bei den Befreiungskämpfen. Revolution sagt sie, das war gleichbedeutend mit Kultur. In Angola seinerzeit hat sie drei Schulen gegründet und ein Theaterensemble aufgebaut. Als sie die neuen Verhältnisse kritisierte, sperrte man sie jedoch ein und expedierte sie nachher mit dem Flugzeug zurück in die brasilianische Diktatur: in ihrer Gefängniskluft, ohne Pass, ohne Geld, ohne jedes Gepäckstück.

      Es hat dann trotzdem noch gut zwanzig Jahre gedauert, bis sie aus der PCB austrat, heute glaubt sie, dass keine der Parteien in Brasilien die Interessen der Schwarzen wirklich vertritt. »Wenn die Linken und die Rechten etwas gemeinsam haben«, sagt Kamerad Tereza mit der Angela-Davis-Frisur, »dann ist es der Rassismus.« Sie trägt ein wunderschönes gebatiktes Kleid, wahrscheinlich ihr bestes, denn sie bekommt kaum Rente. »Heute sind mir die Rechten lieber, weil sie es wenigstens zugeben.« Vielleicht sollte Gilberto Leão die Exkommunistin zum nächsten historischen Ereignis im Paço Municipal einmal einladen. Die Schwarzenbewegung könnte ein bisschen Selbstkritik vertragen. Und Tereza Santos wäre unhöflich genug, ihren Verbündeten die Wahrheit zu sagen, aber sie ist immer noch euphorisch genug, an die sozialrevolutionäre Rolle der Kultur zu glauben.


      Mit der Situation der afrikanischen Diaspora weltweit beschäftigt sich noch bis zum 15. November das Festival »Black Atlantic« im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Informationen zu Konzerten, Filmen, Performances, Ausstellungen und Konferenzen unter www.hkw.de. Der Katalog »Black Atlantic«, mitherausgegeben von Paul Gilroy, 429 Seiten, kostet 30 Euro
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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