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      «Es herrscht Zwei-Klassen-Medizin»
      Einblick in das brasilianische Gesundheitswesen: Ein junger Romanshorner berichtet über seine Erfahrungen
      Der Romanshorner Samuel Engeli ist seit einigen Monaten Mitarbeiter einer brasilianischen Gesundheitsinstitution in den Bereichen Kommunikation und Marketing.

      Samuel Engeli

      Seit Anfang August befinde ich mich in Recife, Brasilien, wo ich mich in der Gesundheitsinstitution Aduseps in den Bereichen Kommunikation und Marketing betätige. Aduseps (Associação de Defesa dos Usuários de Seguros, Planos e Sistemas de Saúde, ein Verein zum Schutz von Kunden und Benützern der Krankenkassen und des öffentlichen Gesundheitssystems) beschäftigt sich als NGO (non-governmental organization, Nichtregierungsorganisation) mit der Wahrung der Rechte im privaten sowie im öffentlichen Bereich des lokalen, aber auch des nationalen Gesundheitssystems und hat deshalb Auswirkungen auf ganz Brasilien. Unsere Arbeit und politische Einflussnahme konzentriert sich jedoch vor allem auf die Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen des nordöstlichen Bundesstaates Pernambuco.

      Enorme Kluft
      Mich als Schweizer haben anfänglich die einführenden Besuche in den öffentlichen Spitälern stark beschäftigt und irritiert. Brasilien unterscheidet das private vom öffentlichen Gesundheitssystem. Auch bei uns kennt man diese Unterscheidung, jedoch ist der medizinische Standard ziemlich einheitlich, und Kapazitäts- oder Qualitätsprobleme gibt es weder in den öffentlichen noch privaten Spitälern. In Brasilien jedoch kennt man keine obligatorische Krankenversicherung, und deshalb klafft eine enorme, kaum überwindbare Kluft in einer echten Zwei-Klassen-Medizin. In etwas abgeschwächter Form habe ich dies vor ein paar Jahren zu meiner Überraschung allerdings auch in Kalifornien beobachtet. Der überwiegende Teil der Bevölkerung kann sich keine Krankenkasse leisten und ist deshalb auf Behandlung in der öffent-lichen Medizin angewiesen, in der Spitäler oft nicht imstande sind, auch nur den kleinsten Eingriff zeitgerecht durchzuführen. Oft kann nur unter erbärmlichs-ten Umständen behandelt und operiert werden. Ich habe gesehen, wie Leute tage- oder wochenlang die Korridore und Eingangsportale der Spitäler säumen ohne jegliche Hygiene und mit minimalster medizinischer Versorgung in der Hoffnung, bald behandelt zu werden. So sterben bisweilen auch Menschen, ohne dass sie je einen Arzt gesehen haben. Bei einem Besuch in einem öffentlichen Spital habe ich durch eine Glastür selber beobachten können, wie eine Frau nach tagelangem Warten auf Behandlung an einem Herzanfall gestorben ist. Jede Hilfe kam für sie zu spät.

      Willkürliche Prämien
      Ein anderes Problem sind die Krankenversicherer, welche in der Vergangenheit oft mangelhafte Gesetze ausnutzten und willkürlich Prämien erhöhten, manchmal um ein Vielfaches, was auch heute noch praktiziert wird, jetzt allerdings widerrechtlich. Mit Sammelklagen gebieten Aduseps' Anwälte diesem Tun von Zeit zu Zeit Einhalt, und die Rechtsprechung weist so die grossen Versicherer etwas in die Schranken. Mit gezielter Aufklärungsarbeit und juristischen Mitteln kämpfen wir zum einen für ein gerechtes Versicherungssystem mit stabilen Prämien (privat), und zum andern sind wir vor Ort in öffentlichen Spitälern, wo mangelnde Infrastruktur und Überbelegung oft zu unhaltbaren Zuständen führen. Mit den Ergebnissen unserer Qualitätsprüfung werden laufend die Direktionen der Spitäler sowie öffentliche Organe wie das lokale Gesundheitsministerium konfrontiert, wobei mit den Verantwortlichen der Dialog gesucht wird. Publikationen in den Medien sind ein optimales Druckmittel, aber bei Härtefällen hilft oft nur noch der Gang vor Gericht.

      Eindrückliches Netzwerk
      Besonders eindrücklich ist der Umfang des Netzwerks, in dem sich Aduseps bewegt, und die Art, wie gemeinsam mit der ANS (Agência Nacional de Saúd, Nationales Gesundheitsministerium) nach Problemlösungen gesucht wird. An nationalen Konferenzen und Workshops werden Lösungsansätze diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht, insbesondere auch unterschiedliche Strategien in den verschiedenen Staaten Brasiliens verglichen. Anfang November hatte ich in São Paulo selbst Gelegenheit, mich für nationale und internationale Partnerschaften einzusetzen, als ich am «Global Summit of Social Entrepreneurs» zusammen mit der Gründerin von Aduseps, Renê Patriota, die Institution repräsentierte. Der Anlass war ein von der Schwab Foundation und dem World Economic Forum (WEF) organisiertes Treffen zwischen Sozialwerken, NGO's, Medien und Universitäten sowie Führern aus Wirtschaft und Politik. Es bot eine Plattform, Kontakte zu knüpfen und von Unternehmern zu lernen, Institutionen besser zu organisieren und nachhaltig zu finanzieren.

      Schwierige Kontaktaufnahme
      Partnerschaften sind wichtig, damit die Arbeit besser greifen kann. Die Erfahrung während meines täglichen Einsatzes zeigt, dass es schwierig ist, die Bevölkerung zu erreichen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Dies umso mehr, weil die ärmste Bevölkerungsschicht nicht durch herkömmliche Medien erreichbar ist und in den Armutsvierteln Leute wohnen, die gänzlich durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen. Da gilt es in Zukunft die Aktivitäten zu erweitern, um auch dort greifende Massnahmen zu treffen. Recife, zweitwichtigste Stadt im Nordosten Brasiliens nach Salvador, weist eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes auf. Man spürt die Gefahren, die überall lauern, vor allem wenn man sich zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt, besonders bei Dunkelheit. Sowohl die Kriminalität als auch das mangelhafte Gesundheitswesen rühren von der Armut in der Bevölkerung her. Um wirklich nachhaltig zu verändern, muss bei der wirtschaftlichen Situation der Familien angesetzt werden. Solange ein grosser Teil der Bevölkerung von Armut betroffen ist, bleibt die Arbeit ein Tropfen auf den heissen Stein. Neben diesen meist eher düsteren Erfahrungen werde ich aber auch viele offene menschliche Beziehungen und herrliche Stranderlebnisse als unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

      Person
      Viel grössere Schwierigkeiten

      Aufgewachsen in Romanshorn hat es Samuel Engeli nach der Matura an die Universität Lugano gezogen, wo er im Mai dieses Jahres sein Studium in Kommunikationswissenschaften abgeschlossen hat. Durch die Teilnahme an einer Nationalfondsstudie, die das Institut «Health Care Communication Laboratory» (HCC-Lab) zum Thema Organspende und Wahrnehmung in der Bevölkerung sowie dessen Darstellung in den Medien durchgeführt hat, hat er erste Erfahrungen im Bereich Gesundheitskommunikation machen können. Durch seine aktuelle Tätigkeit in Brasilien erhält Engeli nun Einblick in die Sichtweise einer NGO, die Tag für Tag für die Rechte der Bevölkerung kämpft, in einem Land, das mit viel grösseren Schwierigkeiten in der Gesundheitspolitik zu kämpfen hat, als wir dies hierzulande kennen. Nach Abschluss seines Einsatzes in Brasilien möchte er sich auch in der Schweiz dem Thema Gesundheit und Kommunikation widmen. Wer weitere Auskünfte zu Aduseps wünscht oder dieser Institution eine Spende zukommen lassen möchte, kann Samuel Engeli kontaktieren: engeli.samuel@gmx.ch

      Copyright © St.Galler Tagblatt
      Eine Publikation der Tagblatt Medien
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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