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Portosol UN-Mikrokredite: Hilfe für bras. "Ich-AGs"

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      MIKRO-KREDITE / Die unbürokratische Finanzspritze soll die Wirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern beleben

      Kleingeld macht glücklich

      Oft genügen 200 Euro, um brasilianischen Mini-Unternehmern die Existenz zu sichern. In erster Linie kümmern sich gemeinnützige Banken um die Geschäfte.

      GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE

      Flávio Luiz da Costa Silva ist überglücklich. Soeben hat er einen Scheck über umgerechnet 175 Euro erhalten. Mit dem Kredit kann Silva dringend benötigtes Werkzeug und Ersatzteile für Rasenmäher und Motorsägen kaufen, die er bei sich zu Hause repariert. „Das ist eine Riesenhilfe“, sagt der 47-jährige Familienvater aus dem südbrasilianischen Porto Alegre, „sonst hätte ich ein paar Geräte billig verkaufen müssen.“

      Das Darlehen der gemeinnützigen Kreditanstalt Portosol muss er in fünf Monatsraten à 42 Euro zurückzahlen. Zur Übergabe des Schecks ist Portosol-Geschäftsführer Cristiano Mross persönlich die 25 Kilometer aus dem Stadtzentrum in den Außenbezirk Lomba de Pinheiro gekommen, wo 50000 überwiegend arme Menschen wohnen. „Wir müssen weiter auf unsere Zielgruppe zugehen“, erklärt Mross, ein smarter Enddreißiger.

      Seit neuestem ist das Gemeindezentrum der Franziskaner die Anlaufstelle für all jene, die sich in Lomba de Pinheiro für einen Mikrokredit interessieren. Einzige Bedingung: Sie müssen ihr Geschäft, ob amtlich registriert oder nicht, mindestens ein halbes Jahr lang betrieben haben. Flávio Luiz da Costa Silva hatte durch Handzettel von dem Angebot erfahren und Interesse signalisiert. Dann ging alles blitzschnell: Eine Portosol-Mitarbeiterin sah sich seine kleine Werkstatt an und unterhielt sich mit ihm, befand ihn für kreditwürdig, und fünf Tage später hielt der Autodidakt den Scheck in Händen.

      „Ein kleines Darlehen kann das Leben einer Familie verändern, mehrere können die Gemeinschaft stärken. Tausende können eine ganze Volkswirtschaft verwandeln“, zitiert Evanda Kwitko, die Portosol in den neunziger Jahren im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) beraten hat, den Slogan der Vereinten Nationen. Die UN hat das Jahr 2005 zum „Internationalen Jahr der Mikrokredite“ ausgelobt. Besonders eine Volkswirtschaft wie Brasilien, wo nach offiziellen Angaben rund 16 Millionen Menschen oder 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung im informellen Sektor tätig sind, kann mit kleinen Kreditbeträgen, wie auch Flávio Luiz da Costa Silva sie benötigt, in Schwung gebracht werden. Für diese Klientel kommen Banken als Kreditgeber nicht infrage.

      In Brasilien ist Portosol eine der ältesten und erfolgreichsten Einrichtungen ihrer Art. Nach einem vierjährigen Vorlauf wurde die „Gemeinschafts-Kreditanstalt“ Ende 1995 von der Stadtregierung von Porto Alegre, der Landesregierung des Bundesstaates Rio Grande do Sul und zwei Unternehmerverbänden gegründet, im Aufsichtsrat sitzen zudem Bürgervertreter. Neben Know-how kam ein Fünftel des Startkapitals von der deutschen GTZ. Heute werden 30 Gemeinden im Großraum Porto Alegre von fünf Filialen abgedeckt. „Bisher haben wir fast 80000 Mikrokredite mit einem Gesamtvolumen von 31 Millionen Euro vergeben“, sagt Mross stolz. „In ganz Brasilien gibt es mittlerweile 70 Einrichtungen, die sich an unserer Struktur orientieren.“

      Portosol ist auch ein Ergebnis der innovativen Kommunalpolitik, mit der die brasilianische Arbeiterpartei in den neunziger Jahren in Porto Alegre von sich reden machte. International bekannt und vielfach nachgeahmt wurde der Beteiligungshaushalt, bei dem die Bürger vor allem der Armenviertel über die Verwendung der knappen Haushaltsmittel mitbestimmen. Diese betont soziale Ausrichtung bestimmt auch die Vergabepraxis von Portosol. „Wir wehren uns gegen jeden Paternalismus“, betont Cristiano Mross: „Wir wollen, dass unsere Kunden möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen – und dass ihr Erfolg auf ihr Umfeld ausstrahlt.“

      Zwar werden durch die unbürokratisch gewährten Mikrokredite von mindestens 70 Euro vorwiegend Einzelpersonen unterstützt. Doch es gibt Ausnahmen wie die Kühlerfabrik Zago. Vor drei Jahren standen die 50 Arbeiter auf der Straße, nachdem der Inhaber des Betriebs Konkurs angemeldet hatte. „Vor den Fabriktoren schlugen wir ein Zelt auf, das viereinhalb Monate lang rund um die Uhr besetzt war“, erinnert sich Valmir Meira Souza. Heute leitet der 43-Jährige die Genossenschaft, die die Hälfte der Entlassenen mithilfe der örtlichen Metallgewerkschaft und eines 5300-Euro-Kredits von Portosol auf die Beine gestellt haben.

      18 Mitglieder zählt die Kooperative heute, immerhin 14 sind vom alten Stamm übrig geblieben. Sie produzieren Kühler für Autos, Lastwagen und Traktoren. Die flachen Hierarchien eines Kollektivs genießen sie – neben dem Vorsitzenden Souza gibt es noch fünf Koordinatoren. Aber im Alltag überwiegen die Sorgen eines Kleinbetriebs, der sich gegen heftige Konkurrenz behaupten muss. Mit 220 Euro liegt der Monatsverdienst immer noch ein Viertel unter den branchenüblichen Löhnen. Der Fabrikhalle sieht man ihre 50 Jahre an, manche Maschinen sind fast genauso alt. „Einen Ingenieur haben wir nicht“, sagt Souza. Von Portosol habe er den Tipp bekommen, sich an die Universitäten zu wenden, aber das sei nicht so einfach. „Außerdem fehlt uns das Geld, um diese Maschinen auf Vordermann zu bringen oder gar neue zu kaufen.“

      Sidonia Seibel hingegen ist in vieler Hinsicht eine typische Vertreterin der Portosol-Klientel. In ihrem Haus in Estancia Velha, 60 Kilometer nördlich von Porto Alegre, betreibt die deutschstämmige Selfmade-Frau, die aus einer Bauernfamilie im Hinterland von Rio Grande do Sul stammt, seit vier Jahren eine Schuhwerkstatt.

      Als Jugendliche hatte sie ihre erste bezahlte Arbeit als Hausmädchen in Porto Alegre. „Das war Sklavenarbeit, die Frau hat gedacht, mit mir ,dumm Kolonistenmädche’ kann man alles machen“, erzählt Seibel in breitem Hunsrücksch, dem Dialekt der Deutsch-Brasilianer aus dem südlichen Bundesstaat. „Ich hatte keine freien Wochenenden, pünktlich bezahlt wurde ich auch nicht.“ Lange hielt sie es nicht aus. Sie ließ sich in Estancia Velha nieder, nahm dort einen Job in einer Schuhfabrik an und wechselte bald darauf in eine Lederfabrik, wo sie sich in der Gewerkschaft engagierte. „Fünfeinhalb Jahre hab ich dort gearbeitet. Wenn mich die Firma mehr anerkannt hätte, wäre ich heute noch dort.“

      Von 1991 bis 2001 war die temperamentvolle Frau mit der blondierten Dauerwelle Handelsreisende für Kosmetika. Es war ihre glücklichste Zeit, wie sie heute sagt: „Ich war die beste Vertreterin in Südbrasilien, ich habe Auszeichnungen dafür bekommen. Das war wie eine Uni-Ausbildung für mich. Ich bin richtig selbstbewusst geworden.“ Von dem Ersparten konnte sie ihr Haus bauen. Doch die Firma geriet in Schwierigkeiten. „Als immer mehr Produkte gefehlt haben, habe ich angefangen, Schlappen zu verkaufen.“ Zu Hause begann sie, die Schuhe selbst herzustellen, „in meinem Hinterhofbetrieb, wie man so sagt“.

      „Ende 2001 haben wir die Firma angemeldet“, erzählt sie. Um die Buchführung kümmert sich ein Freund. Im benachbarten Novo Hamburgo wurde Seibel durch ein Flugblatt auf Portosol aufmerksam und bekam ihren ersten Mikrokredit – 700 Euro zu Monatszinsen von 3,5 Prozent. „Damit konnte ich meine Werkstatt einrichten und Material kaufen – Leder, Farbe, Leim.“ Zudem nutzt sie den „Scheckumtauschservice“ der Kreditanstalt: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ist es in Brasilien üblich, Zahlungen in Raten anzunehmen, etwa mit einer Serie von unterschiedlich vordatierten Schecks. Gegen eine geringe Gebühr gibt ihr Portosol für die Schecks Bargeld.

      Zur Ruhe kommt die stämmige 37-Jährige weniger als je zuvor. „Ich weiß nicht mehr, was ein Sonntag ist“, sagt Sidonia Seibel, deren hartes Arbeitsleben ihr ins Gesicht geschrieben steht. Auf zehn Quadratmetern stellt sie ganze Serien („elf Schuhgrößen“) von Turnschuhen, Stiefeln, Pantoffeln und Sandalen her. Zwei, manchmal drei Tage in der Woche liefert sie aus, meist in weit abgelegenen ländlichen Gebieten.

      Das Jahr 2003 war ein besonders kritisches. Mehrfach stand ihre Firma kurz vor der Pleite, zwei weitere Kredite von Portosol halfen ihr aus der Klemme. „Sogar an Weihnachten haben wir Schuhe ausgefahren, damit wir unsere Zulieferer bezahlen konnten“, erinnert sich Seibel. Heute schulden ihr diverse Kunden über 20000 Euro – „aber ich versuche, mich dadurch nicht verrückt machen zu lassen“.

      Die „Ich-AGs“ Flávio Luiz da Costa Silva und Sidonia Seibel sind durchaus repräsentativ für die Empfänger von Mikrokrediten – nicht nur in Brasilien. Die Darlehen sind für sie eine wichtige Start- oder Überlebenshilfe, aber zur Überwindung der Armut können sie kaum allein beitragen. „Hierfür ist eine konzertierte Aktion von öffentlicher Hand und Unternehmen nötig“, sagt Manuel Thedim vom Mikrofinanz-Forum in Rio. „Ohne die Fähigkeit, seinen Betrieb zu managen, gelingt es dem Kleinunternehmer nicht, sein Geld Gewinn bringend anzulegen. Oder er riskiert sogar, Bankrott zu gehen.“

      Auf den Rat von Portosol hin hat sich Flávio Luiz da Costa Silva schon für einen Kurs bei einer Fortbildungseinrichtung für Mikro- und Kleinbetriebe eingeschrieben. Auch die Genossen von der Kühlerfabrik lassen sich weiterbilden. „Für mich ist die Frage der Vermarktung entscheidend“, sagt hingegen Mikrokredit-Expertin Evanda Kwitko. „Viele Kleinstunternehmer, die im informellen Sektor tätig sind, können gut produzieren, aber schlecht verkaufen.“

      Die GTZ konzentriert mittlerweile ihre Projekte im Bereich Mikrofinanzen auf Nordostbrasilien. „Diese Aktivitäten sind in größere Programme zur Regionalentwicklung eingebettet“, sagt der GTZ-Experte William Díaz aus Recife. Auf Bundesebene habe der Schwerpunkt bis 2002 auf der Expansion des Finanzwesens gelegen, doch das Engagement der Privatbanken sei minimal. Unter Luiz Inácio Lula da Silva hingegen werde der Aspekt der Armutsbekämpfung stärker betont. „Diese beiden Ansätze, die sich ergänzen könnten, werden immer noch zu oft gegeneinander ausgespielt“, findet der Peruaner, der bereits in vielen Ländern Lateinamerikas tätig war. Doch mittlerweile sei ein „interessanter Diskussionsprozess“ in Gang gekommen.

      Staatschef Lula, einer der elf Schirmherren des UN-Jahres der Mikrokredite, sagte vor kurzem, Brasilien könne auf diesem Gebiet zu einem „Beispiel für die Welt“ werden. Aber er weiß auch: „In der Theorie ist das einfacher als in der Praxis. Mikrokredit-Genossenschaften müssen von unten nach oben wachsen.“

      Externe Links: www.oikocredit.org, www.yearofmicrocredit.org

      © Rheinischer Merkur Nr. 27, 07.07.2005
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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