Tausende von Brasilianern suchen im Müll nach verkäuflichen Altstoffen

Was früher ein eigentlicher Beruf war, ist bei der heutigen Massenarbeitslosigkeit für Tausende zu einer Form des Überlebens geworden: der Verkauf von aus dem Müll gefischten Altstoffen. In Kooperativen organisiert, könnten die Catadores ihre Stellung in der Recycling-Industrie stärken - theoretisch. Die Praxis sieht anders aus.



In Brasiliens Favelas - hier ein Strassenkind in São Paulo - arbeiten gegen 400 000 Personen als Zulieferanten von Altstoffhändlern. (Bild epa)
C. H. Rio de Janeiro, im September

Der Mann in dem verwaschenen Übergewand hievt den ausgemusterten Kühlschrank auf die alte Waage: 57 Kilo. Nun schleppt er noch den Stapel Karton von seinem Handwagen heran: 38 Kilo. Jorge de Oliveira ist zufrieden. Die Fuhre hat ihm 11 Reais 40 (rund 6 Franken) eingebracht. Später wird er nochmals mit dem Handkarren zum Altstoffhändler fahren. Zwei Touren schafft er pro Tag, macht 14 in der Woche, 56 im Monat und ein Monatseinkommen von zwischen 400 und 600 Reais (200 und 300 Franken). Davon leben er und seine Eltern. Es reicht für das Nötigste, und wenn es auch nicht viel ist, es ist mehr, als viele seiner Nachbarn in der Rocinha, der grössten Armensiedlung Brasiliens, zur Verfügung haben.

Geschäft auf eigene Faust

Der 33-jährige Jorge ist einer von schätzungsweise 200 000 bis 400 000 Brasilianern - genaue Zahlen gibt es nicht -, die von dem leben, was sie im Abfall finden. Die Catadores arbeiten auf eigene Faust, ohne Arbeitsbuch oder Sozialversicherung. Sie ziehen mit dem Handwagen durch die Wohnviertel und durchsuchen die Säcke mit Hausmüll auf dem Trottoir oder auf den grossen Müllkippen. Sie tummeln sich abends in den menschenleeren Geschäftszentren der Städte und machen sich über die Abfallcontainer vor den Bürohochhäusern her. Sie leben von dem, was die einen achtlos wegwerfen und was die anderen, sprich die Recycling-Industrie, immerhin mit ein paar Centavos entlohnt: alte Zeitungen, Karton, Aluminiumdosen, PET-Flaschen, Glas, Eisen und Tetrapak-Verpackungen. Körperliche Anstrengung, gesundheitliche Risiken und vor allem der Gestank des Mülls - es ist ein mühsames Geschäft mit geringem Lohn: Ein Kilo Aluminium beispielsweise - das sind etwa 75 Getränkedosen - bringt zwischen 2 Reais 80 und 3 Reais 50.

«Früher war Catador ein Beruf. Heute ist es vor allem eine Form des Überlebens», meint Jorge Henrique Penido, Spezialist für Altstoffsammlung und Abfalltrennung bei der Stadtreinigung von Rio de Janeiro (Comlurb). Er erinnert sich an Zeiten, als die Catadores mit Pferd und Wagen über die Lande zogen und den Haushalten Eisen, Papier und andere Altstoffe abkauften. Es seien geachtete Leute gewesen. Doch das hohe Bevölkerungswachstum in den letzten 30 Jahren bei nur mässiger wirtschaftlicher Entwicklung und einer sich zuspitzenden Bildungsmisere hat in Brasilien ein Heer von Arbeitslosen hervorgebracht, die sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob durchschlagen - oder von Müllsack zu Müllsack, wie die Catadores.

Milliardengeschäft Müll

Müll ist in Brasilien längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Im vergangenen Jahr wurden 96 Prozent aller Getränkedosen wiederverwertet; das entspricht 121 300 Tonnen oder 9 Milliarden Dosen. Die gesamte Branche - vom Sammeln bis zur Wiederverarbeitung in einen neuen Grundstoff - generiert laut Branchenverband Abralatas einen Umsatz von 1,4 Milliarden Reais. Und auch PET-Flaschen sind ein begehrtes Sammelobjekt. Fast die Hälfte aller PET-Flaschen oder 173 000 Tonnen wurden wiederverwertet; zehn Jahre zuvor waren es nur 13 000 Tonnen, und die Wiederverwertungsquote lag bei 20 Prozent. Die Catadores sind das kleinste Rädchen in dieser Milliarden-Maschinerie. Der Grund dafür liegt zum einen im angespannten Arbeitsmarkt, auf dem unqualifizierte Arbeitskraft billiges Massengut ist. Zum andern erbringen die mehrheitlich unorganisierten Catadores keine Wertschöpfung wie etwa das Reinigen, das Bündeln oder das Pressen der Altstoffe. Kapital für Pressen oder Waagen hat kaum jemand, Kredite sind teuer und meist nicht zugänglich. Sie liefern daher lediglich die gesammelten Dosen, Flaschen und anderen Materialien an Altstoffhändler, die wiederum an grössere Händler weiterverkaufen; von dort aus geht es in die eigentliche Recycling-Industrie. Staatlich reglementiert ist in Brasiliens Müllbranche kaum etwas; jeder macht, was er will.

Der Verdienst der Catadores hängt vom Weltmarkt ab. Der Preis für eine Tonne Aluminum oder PET wird nämlich dort gemacht, wo die weltweite Nachfrage und das weltweite Angebot für diese Commoditys aufeinander treffen: auf dem internationalen Markt für Altstoffe. Die Catadores seien im doppelten Sinn Verlierer der Globalisierung, sagt Pólita Gonçalves, Leiterin der Nichtregierungsorganisation Lixo.com und Beraterin von Gemeinden in Abfallfragen: «Wegen der Globalisierung gibt es nicht genügend Arbeit im Lande, und sie lässt zudem die Preise für Altstoffe sinken.» Die Gesellschaft müsse Verantwortung übernehmen für ihren Müll und für diejenigen, die vom Müll leben müssten.

Catadores als Objekt der Sozialpolitik

Die Branche der Catadores sieht sie vor allem als Arbeitsobjekt staatlicher Sozialpolitik. Gonçalves plädiert denn auch dafür, dass bereits in den Haushalten der Abfall getrennt wird, die Altstoffe von der städtischen Kehrichtabfuhr eingesammelt und in Kooperativen zusammengefassten Catadores gratis zur Verfügung gestellt werden. Bis anhin liegen nämlich in Brasiliens Abfall die Milliarden brach: Nur in 10 Prozent der Gemeinden werden Müll und Altstoffe getrennt von der städtischen Müllabfuhr eingesammelt, und auch das nur in rund 15 Prozent der Haushalte.

Für die Catadores entfiele die dreckige und damit gefährliche Arbeit des Durchsuchens des Abfalls; sie könnten als Kooperative organisiert die von der Kehrichtabfuhr angelieferten Massen von Altstoffen sortieren und weiterverkaufen. Umweltpolitische Ziele könnten so mit sozialer Integration verbunden werden, sagt Gonçalves. Dem einen mag der solidarische Gedanke gefallen, der andere sieht den ökonomischen Vorteil von Kooperativen: Derart organisierte Catadores hätten eine bessere Verhandlungsposition und könnten über Grösse und bessere Dienstleistungen in einen margenstärkeren Teil der Abfallbranche aufsteigen. So weit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus, wie Penido zu berichten weiss. In einigen Stadtteilen von Rio de Janeiro hat er die getrennte Müllsammlung eingeführt; die Haushalte trennen freiwillig, Comlurb holt die Säcke mit den Altstoffen ab und bringt sie zu den Sammelstellen von fünf Kooperativen. Diesen hat Comlurb Lagerhaus, Pressen und Waagen zur Verfügung gestellt. Doch das soziale Ziel, die Catadores von der Strasse zu holen, wurde nicht erreicht. «Die Catadores halten nichts von Kooperativen. Sie wollen selber entscheiden, wann, wo, wie lange und wie sie arbeiten», sagt Penido. An den Sortierbändern arbeiten meist zuvor arbeitslose Frauen. Zwar sind immerhin ein paar Dutzend Arbeitsplätze geschaffen worden, aber hoch vom Steuerzahler subventionierte. Zudem bewege man sich als staatliches Unternehmen in Marktsegmente hinein, die bereits vom Privatsektor bearbeitet werden, sagt Penido: «Die Privaten schnappen uns in den Wohnvierteln mit ihren Lastwagen die Altstoffsäcke oft vor der Nase weg. Wir von Comlurb sind eigentlich überflüssig.»

Gemischter Erfolg der Kooperativen

Sozial gesehen sei ihre Kooperative ein Erfolg, berichtet Sonia Braz, Präsidentin der Kooperative Coopermizo in Campo Grande, einer Nachbargemeinde von Rio de Janeiro. Mehr als ein Dutzend ehemals randständige Catadores, darunter viele ehemalige Alkoholiker, Prostituierte und Homosexuelle, hätten dort einen festen Job gefunden, berichtet die couragierte Frau. Der wirtschaftliche Erfolg hingegen blieb aus. Die Verwaltungskosten fressen die kleine Marge auf. Die Kooperative hat nicht die notwendige Grösse erreicht, um in der Branche dorthin aufzusteigen, wo die Margen höher sind. Als privatwirtschaftliches Modell im Abfallbereich haben sich die Kooperativen denn auch nicht durchsetzen können, allenfalls als zweifelhafter sozialpolitischer Ansatz. Beispiele von erfolgreichen Kooperativen, die nicht am Tropf des Staates hängen und von der Belieferung mit getrenntem Müll oder Sachspenden abhängig sind, gibt es kaum.

Jorge, der Catador aus der Rocinha, hat mit solchen Diskussionen nicht viel am Hut. Er setzt auf sich selbst; dort, wo er wohnt, weiss man, dass man vom Staat nicht viel zu erwarten hat. Seine Geschäftsbasis ist der übergrosse Müllcontainer unten am Fuss der sich den Berg hochziehenden Favela. Ob er seinen Job mag? Na ja, der Abfall stinke widerlich, und das Ziehen des mit oft mehr als 100 Kilo beladenen Handkarrens bei über 30 Grad Hitze gehe auf die Glieder. Aber der Verdienst sei nicht schlecht. Weniger als Gestank und Dreck machten ihm die Schiessereien zwischen Drogenhändlern und der Polizei in der Favela zu schaffen. Er deutet auf ein Einschussloch in der eisernen Querstrebe seines Handwagens: «Wenn es losgeht, dann muss man sich sofort in Sicherheit bringen; das Geschäft ist für den Tag dann meist gelaufen.»

Ja, wenn sich ihm ein besserer Job böte, wie Pförtner, dann würde er das ausgebleichte Übergewand an den Nagel hängen. Aber so bleibt der Müllcontainer seine Schatztruhe, der Handwagen sein Betriebskapital, der Altstoffhändler sein bester Kunde und Catador sein Beruf - und das tagein, tagaus. Denn das Wichtigste ist die Regelmässigkeit: «Wenn ich einmal einen Tag nicht am Müllcontainer arbeite, dann haben sich da schon andere breit gemacht.»

(Quelle: NZZ online)