Druck machen gegen Gewalt und Unrecht

Demetrius Demetriou (re.) diskutierte mit Klassen- und Schülersprechern am Gymnasium Letmathe. Sein Anliegen: "Die Unrechtsverhältnisse in Brasilien sollten auch den Menschen in Europa stärker bewusst werden." Foto: Rauer

Letmathe. (rau) Urwald, Samba, Fußball, Zuckerhut und Copacabana - So schön kann Brasilien sein. Doch die Wirklichkeit vieler Brasilianer sieht anders aus. Schüler des Gymnasiums Letmathe hörten gestern von Kindern, die auf der Straße schlafen, Rauschgift schnüffeln, zu Prostitution und Diebstahl gezwungen sind, um zu überleben.

Dank vieler sozialer Projekte gibt es auch Jugendliche, die fröhlich sind, trotz Not und Armut temperamentvoll tanzen, begeistert Fußball spielen. Demetrius Demetriou, (41) zeigte gestern solche heiteren Bilder, warf sie vor den versammelten Klassensprechern an die Wand eines Klassenraums. "Der Junge mit der grünen Kappe lebt nicht mehr," sagte er plötzlich. Es klang wie beiläufig, erst im nächsten Satz erfuhren die Zuhörer den schockierenden Hintergrund: "Er ist von der Todesschwadron ermordet worden".

Der Junge mit der grünen Kappe teilt das Schicksal vieler Straßenkinder in Brasilien. Sie werden ermordet, weil sie lästig sind. "Oftmals auch noch furchtbar gequält und verstümmelt", berichtete Demetrius. Er lebt mit den Straßenkindern in der Metropole Recife und kämpft als Freiwilliger seit vielen Jahren dafür, dass diese Kinder und Jugendlichen ein besseres Leben führen können. Die Schülervertretung des Gymnasiums unterstützt diese Arbeit.

Im Haus der "Gemeinschaft der kleinen Propheten" bekommen Straßenkinder zu essen, sie lernen lesen und schreiben, spielen und diskutieren gemeinsam, stellen kunsthandwerkliche Produkte her. Einige können auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt schlafen statt auf der Straße. Kurz: Sie lernen ein neues, besseres Leben jenseits von Hunger, Not und Gewalt kennen, können wieder lachen und fröhlich sein. Die Schülervertretung des Gymnasiums Letmathe sammelt seit Jahren für diesen Zweck.

Bei Reisen nach Europa wirbt Demetrius immer wieder um Unterstützung. Schon viermal war er am Gymnasium Letmathe, hat beeindruckende Vorträge gehalten. "Jede Woche werden in der Millionenstadt Recife sieben bis neun Straßenkinder ermordet," teilte er gestern mit.

Demetrius bedankte sich für die Geldspenden. Aber er betonte auch: "Das ist nicht das Wichtigste. Vor allem geht es darum, dass sich die Unrechtsverhältnisse in Brasilien ändern. Wir leben seit einigen Jahren in einer Demokratie, aber es ist noch keine richtige Demokratie." Die Todesschwadron werde nicht kontrolliert, Mord und Gewalt blieben oft unbestraft.

Für Demetrius ist es wichtig, dass sich auch die Menschen in Europa dieser Missstände bewusst werden. "Und dass die Politiker Druck machen," wie er stets betont. Deshalb sucht er bei seinen Reisen nach Nordamerika und Europa nicht nur Schulen und Jugendgruppen, sondern auch Politiker, Menschenrechtsorganisationen und UN-Vertreter auf. Einen besonderen Skandal, dem Einhalt geboten werden muss, sieht er in einem perfiden Sextourismus: "Recife wird zum Reiseziel von Pädophilen aus Europa, die sich von Straßenkindern befriedigen lassen."

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28.11.2006