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      SPIEGEL ONLINE - 13. Oktober 2004, 13:14
      URL: http://www.spiegel.de/sport/fussball...322723,00.html
      Interview mit Brasilien-Coach Parreira

      "Klinsmann wird perfekt vorbereitet sein"

      Für Carlos Alberto Parreira ist die Fußball-WM in Deutschland noch weit weg. Zwar führt seine Mannschaft in der Südamerika-Qualifikation, doch im Interview warnt der brasilianische Nationaltrainer vor den kommenden Gegnern. Dem deutschen Team traut die Trainer-Ikone 2006 viel zu - auch wegen des Bundestrainers.

      Frage: Herr Parreira, wenn Deutschland gegen Brasilien spielt wie in Berlin, symbolisiert dieses Aufeinandertreffen die Kollision zweier gegensätzlicher Pole, den Kampf von spielerischer Kreativität gegen Taktik und Disziplin, von Artistik gegen Kraft?
      Parreira: Eine gute Beschreibung des Szenarios. Der deutsche Fußball ist noch immer vom Triumph bei der WM 1974 mit Breitner, Beckenbauer und Hoeneß geprägt. Er hat sich immer durch taktische Disziplin, Konzentration und vor allem die Entschlossenheit und Effizienz ausgezeichnet, mit der die Spieler auf dem Platz agieren. Die Effizienz wird durch die Geschlossenheit des Kollektivs gesteigert. Der brasilianische Fußball hingegen hat sich immer durch die individuelle Klasse der Spieler ausgezeichnet. Wir geben den Spielern die Freiheit, ihr kreatives Potenzial auszuleben und ihre Qualitäten zu präsentieren.

      Frage: Ist dieser Kampf der unterschiedlichen Spielkulturen die Essenz des Fußballs?
      Parreira: Ich denke, Fußball ist deshalb der Sport Nummer eins, weil er nicht an eine Doktrin gebunden ist. Er kann auf verschiedenste Arten gespielt werden. Die Menschen, die ihn spielen, haben ganz unterschiedliche Lebensarten und Ansichten. Und so kämpfen immer auch ganz unterschiedliche Auffassungen vom Leben gegeneinander. Fußball ist ein Spiel, in dem die Gegner versuchen, der jeweils anderen Mannschaft ihr eigenes Spiel aufzuzwingen.

      Frage: Der Fußball ist demnach, was die Menschen sind, die ihn spielen?
      Parreira: Ja, und er transportiert deren Freude. Nehmen Sie den brasilianischen Fußball. Er drückt unsere Lebensfreude aus, unsere Gelassenheit und unser Glück darüber, Teil dieser Welt zu sein.

      Frage: So sehr Sie den deutschen Fußball gelobt haben, die Krise des Fußballs hier zu Lande ist unübersehbar.
      Parreira: Das passiert nun einmal. Auch Brasilien hat solche Zeiten erlebt. Bei der WM 1994 beispielsweise fehlten uns die Köpfe, die Spielmacher. Die einzige Ausnahme war Rai. Als der unsere Erwartungen nicht erfüllte, hatten wir keinen starken und kreativen Spieler mehr auf dem Platz. Es gab immer Zeiten, in denen wir auf bestimmten Positionen unsere Besetzungsschwierigkeiten hatten. Das sind Zyklen. Deutschland hat in den letzten Jahren, damit meine ich seit der Generation von 1974 und 1978, keine Spieler dieser Güteklasse mehr hervorgebracht. Auch die Mannschaft von 1990 konnte man nicht mehr mit den Spielern von damals vergleichen. Sicher, es gab Klinsmann und Völler, gute Spieler zweifelsohne, aber nicht annähernd so brillant wie die ältere Generation um Beckenbauer.

      Frage: In Deutschland wird viel darüber gesprochen, dass die Internationalisierung des Fußballs die heimischen Talente kaputt macht. Weil lieber preiswerte, fertige Spieler aus dem Ausland eingekauft werden.
      Parreira: Sicherlich behindert man die natürliche Evolution einer Mannschaft, wenn man Spieler einkauft, anstatt den eigenen Nachwuchs spielen zu lassen. Dessen Entwicklung wird gedrosselt, weil er sich nicht beweisen kann, nicht gefordert wird. In Brasilien haben wir diese Probleme nicht. In den Ligen gibt es nicht einmal 30 ausländische Spieler, betrachtet man die Größe unseres Landes, eine verschwindend geringe Zahl.

      Frage: Was finden Sie schwieriger: wenn Sie in Brasilien aus mehr als 100 erstklassigen Spielern auswählen können oder wie etwa in Deutschland aus allenfalls 40 oder 50 Spielern?
      Parreira: Natürlich ist es ein Vorteil, eine große Auswahl zu haben, aber der wird auch oft übertrieben. Denn auf dem Platz stehen nur elf Leute. Es ist mitunter schwierig, die Qual der Wahl zu haben, weil man damit beginnt, hin und her zu schieben, zu tauschen, die unterschiedlichsten Kombinationen zu erwägen, Manchmal kommt dabei dann gar nichts heraus, die Masse an Möglichkeiten führt dazu, dass man keine richtige Mannschaft baut. Andererseits: Nach Deutschland sind wir ohne Cafú, Dida, Zé Roberto und Lúcio gekommen und haben trotzdem eine tolle Mannschaft, weil wir einen so großen Pool an starken Spielern haben.

      Frage: Die europäischen Clubs machen es Ihnen nicht immer einfach und lassen ihre Spieler nur sehr ungern ziehen. Vor allem für Freundschaftsspiele.
      Parreira: Für dieses Problem ist noch keine Lösung in Sicht, ganz im Gegenteil, es scheint eher größer zu werden. Die Clubs sind immer weniger bereit, ihre Spieler für die Nationalelf freizustellen. Wir müssen an einer Einigung arbeiten, um eine Eskalation zu vermeiden.

      Frage: Zurück zur deutschen Nationalelf: Das Spiel gegen Ihre Mannschaft war Jürgen Klinsmanns zweites Spiel als Bundestrainer. Halten Sie den Ansatz, ehemalige Stars zu jungen Nationaltrainern zu machen, für aussichtsreich?
      Parreira: Es ist definitiv nicht der einzige Weg, aber eine Option, solange diese Leute Profil haben oder selbst Sportgeschichte geschrieben haben und sich mit der Nationalmannschaft identifizieren können. Klinsmann ist ein solches Beispiel. Er ist Weltmeister, niemand wird sein praktisches Wissen in Frage stellen. Natürlich hat er keine Erfahrung als Trainer, aber die wird er sich mit der Zeit erarbeiten.

      Frage: Mitunter scheint aber die Prominenz des Trainers der wichtigere Faktor. Marco van Basten oder Hristo Stoitchkov fallen uns da ein.
      Parreira: Den Holländern fehlen einfach die Alternativen. Sie haben es mit Advocaat und Van Gaal versucht, und es hat nicht funktioniert. Sie hatten eine wirklich gute Mannschaft und haben es dann doch nicht einmal zur WM nach Asien geschafft. Und ganz grundsätzlich: Leute wie Klinsmann oder van Basten werden mit ihren Aufgaben wachsen. Aber man muss Geduld mit ihnen haben, sofortige Erfolge sollten weder erwartet noch gefordert werden. Klinsmann hat jetzt zwei Jahre bis zur WM im eigenen Land, bis dahin wird er perfekt vorbereitet sein.

      Frage: In Deutschland wurde über Klinsmanns Aussage, er wolle Weltmeister werden, eher geschmunzelt.
      Parreira: Deutschland hatte auch bei der letzten WM keine große Mannschaft, gehörte nicht zu den Favoriten und hat es ins Finale geschafft. So ist es nun einmal mit den Deutschen. Es ist immer ein Kennzeichen der deutschen Mannschaft gewesen, sich in kritischen Situationen durch physische Präsenz und Kampf wieder aufzurichten und über sich hinauszuwachsen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Deutschland unter Jürgen Klinsmann ein sehr ernsthafter Kandidat für das Finale bei der WM 2006 ist.

      Frage: Sie sind 1994 mit Brasilien Weltmeister geworden. Was macht denn aus einem guten Spieler einen guten Trainer?
      Parreira: Ein guter Spieler gewesen zu sein hilft auf jeden Fall. Man kennt die Atmosphäre und die Stimmungen in der Nationalmannschaft und auf dem Rasen. Aber hinzukommen müssen theoretisches Wissen und Führungsqualitäten. Die Fähigkeit, mit der Mannschaft zu kommunizieren und sie zu führen, ist essenziell.

      Frage: Und Sie müssen Ihre Entscheidungen auch nach außen verkaufen können.
      Parreira: Ja, ein guter Trainer steuert die Beziehungen zu den Medien, der Öffentlichkeit und den Sponsoren. Inzwischen sind die Verpflichtungen außerhalb des Stadions größer als die auf dem Platz. Die Arbeit auf dem Platz macht zwar mehr Spaß, aber die Welt draußen wird mit jedem Tag größer und fordernder und nimmt den Trainer daher immer mehr in Anspruch.

      Frage: Ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit ist bislang noch weitgehend ungetrübt, Sie sind bislang von allzu großer Kritik verschont geblieben. Sie haben die Mannschaft umgebaut und die Copa América gewonnen. Ist Ihr Platz für 2006 schon gesichert?
      Parreira: Keinesfalls. Wir haben schwere Spiele vor uns. In Bolivien werden wir in enormer Höhe spielen, wir müssen in Buenos Aires gegen Argentinien antreten und gegen Uruguay im Estadio Centenario. All diese Spiele haben wir in der letzten Qualifikationsrunde verloren. Das Risiko ist groß, nichts steht fest. Es läuft zwar ganz gut, aber auch die Schwierigkeiten nehmen zu. Die Spieler kommen aus allen Ecken der Welt zusammen, und wir haben dann nur zwei Tage Zeit zum gemeinsamen Training, bevor das erste Spiel angepfiffen wird. Aber bisher sind wir zufrieden und auf einem guten Weg.

      Das Interview führten Pedro Redig de la Campos und Matthias Paskowsky
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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