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    Kommentar

      Themenabend - Dienstag, 05. Juli 2005 - ab 20.40 Uhr
      Gespräch mit Gonzalo Arijon

      Der Regisseur Gonzalo Arijon beschreibt in seiner Dokumentation Lulas schwerer Weg (2005) ein Brasilien in Aufbruchsstimmung. Hier erzählt er über die Entstehung des Projekts, die Dreharbeiten und faszinierende Begegnungen.

      Projekt / Dreharbeiten

      ARTE: Sie stammen aus Uruguay – das erklärt sicher Ihr Interesse für Lateinamerika. Warum haben Sie sich speziell mit Brasilien beschäftigt?

      GA: Ich habe Brasilien sehr früh entdeckt, denn mein Vater arbeitete dort in den 1970er-Jahren als Ingenieur beim staatlichen Tiefbauamt von São Paulo. Brasilien erlebte damals einen gewaltigen Wirtschaftsboom und brauchte hoch ausgebildete Fachleute aller Art. Ich habe eine Zeit lang dort gelebt und Film studiert. Das Land hat mich sofort leidenschaftlich interessiert. Seitdem habe ich mehrere Filme gedreht, in denen ich verschiedene Facetten der brasilianischen Wirklichkeit beleuchte. Lula bedeutete für uns alle – und bedeutet auch heute noch, seien wir optimistisch! - eine riesige Hoffnung. Der jetzt fertiggestellte Film hatte sich mir geradezu aufgedrängt, ich musste ihn einfach drehen. Und dabei war ich mir meiner Verantwortung voll bewusst: Ich wollte keine Bilanz ziehen, sondern knapp zwei Jahre nach Lulas Regierungsantritt eine "Bestandsaufnahme“ machen.


      ARTE: Wie kam das Projekt zustande? Hatten Sie bereits mit der Firma Dissidents gearbeitet, die den Film koproduziert hat?

      GA: Ja, ich hatte gerade einen anderen Film mit derselben Produktionsfirma gedreht, es war ebenfalls eine ARTE-France-Koproduktion: Weit, weit weg von Rom. Er beschreibt die Lage der katholischen Kirche unter Johannes Paul II. in Ländern der Dritten Welt wie Salvador, China und Senegal.
      Anlässlich des Brasilienjahrs 2005 in Frankreich wollten die Verantwortlichen der „Geopolitik“-Redaktion von ARTE France dem Land einen Themenabend widmen, und da fanden wir es alle sehr verlockend, uns Brasilien unter Lula näher anzuschauen.
      Dagegen hatte der Umfang des Themas etwas Lähmendes. Wie soll man einen so komplexen Gegenstand in einer Programmstunde behandeln? Ich wollte keinen journalistischen Film drehen: mit Problemkomplexen wie der Agrarreform, dem Null-Hunger-Programm, der Staatsverschuldung, den transgenischen Kulturen, dem Schutz Amazoniens usw. Stattdessen schwebte mir eine Art "Road movie“ vor, bei dem Lulas Brasilien im Zuge einer Reise entdeckt und erklärt wird. Aber was für eine Reise sollte das sein? Welche Route sollte ich auswählen? Und warum nicht „Eine Reise durch Lulas Leben?“ unternehmen? Eine Reise von seiner Heimat im Nordosten bis nach São Paulo und den Arbeitervororten der Stadt, der wirtschaftlichen Lunge des Landes, wo Lula zum großen Gewerkschaftsführer wurde. Weiter wäre es nach Brasilia gegangen, dem Machtzentrum, von dem aus Lula versucht, die Dinge zu ändern. Aber ich wollte gar kein übliches Porträt drehen, sondern im Verlauf der Reise die Wirklichkeit zeigen, die Lula gut kannte. Sein Brasilien wollte ich entdecken und deutlich machen, wie er versucht hat, hier und dort schreiende soziale Ungerechtigkeiten abzubauen.
      Diese Reise haben wir dann auch unternommen, ergänzt durch einen aktuellen Zusatz, der sich bei dem Dreharbeiten ergab: die gemeinsame Fahrt mit Lula zu zwei hoch symbolischen Orten, dem Weltsozialforum in Porto Alegre und gleich danach zum Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz). Zwei entgegengesetzte Welten, in denen Lula anwesend sein wollte. Das ist ein bewegender Moment des Films, denn man ermisst sowohl den hohen Anspruch als vielleicht auch die Naivität von Lula.


      ARTE: Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert, und wie war Ihr Team zusammengesetzt?

      GA: Nach mehrwöchiger Vorbereitung von Paris aus und gut einmonatiger Drehortsuche in Brasilien wurde vier Wochen hintereinander gedreht, von Januar bis Februar 2005.


      Brasilien und seine Akteure

      ARTE: Wie sind Sie zu den Interviewpartnern gekommen? Kannten Sie bereits Leute vor Ort?

      GA: Ja, glücklicherweise kenne ich ziemlich viele Menschen in Brasilien, darunter etliche ehemalige Weggefährten Lulas. Einige arbeiten mit ihm in der Regierung, andere setzen ihre Arbeit in der Zivilgesellschaft fort (NGOs, Gewerkschaften usw.)

      ARTE: Wie haben Sie Ihre „Figuren“ kennen gelernt? Chico Whitaker kommt beispielsweise mehrmals im Film vor. Könnten Sie uns etwas über diesen Mann und seine Meinung zu Lulas Politik sagen?

      GA: Chico passt in keine Schublade und hat schon die verschiedensten Dinge gemacht: Er war Schriftsteller, setzte sich für die fortschrittliche brasilianische Kirche ein, kämpfte gegen die Korruption, gründete das Sozialforum von Porto Alegre u.a. Sein Ziel war dabei immer, die Welt menschlicher, solidarischer und gerechter zu gestalten.
      Whitaker ist für mich eine Art Leitgestalt, ein geistiger Vater, jemand, der in meinem Leben eine große Rolle spielt. Er schien mir der ideale Mann für mein Anliegen zu sein: Whitaker kennt Lula seit zwanzig Jahren, denn die beiden haben (z.B. in der Stiftung der Arbeiterpartei) zusammen gearbeitet, aber er wahrt eine kritische Distanz, die für den Film unbedingt notwendig ist. Ich habe mir also vorgestellt, dass er uns durch den Film führen, uns verschiedene Aspekte der brasilianischen Wirklichkeit wie auch von Lulas Wirken erklären könnte.
      Meine Rechnung ist aufgegangen: Ich bin gereist, habe Augen und Ohren aufgesperrt und durch Chicos Blick auf das Brasilien von heute vieles gelernt.

      ARTE: Wie sind sie mit den Leuten aus Lulas engerem Kreis in Kontakt getreten? Wurde Ihr Projekt gut aufgenommen? Lula selbst haben Sie ja nicht treffen können. Was haben Sie alles unternommen, um ihn zu erreichen?

      AG: Alle haben mein Projekt sehr gut aufgenommen. Lula selbst brauchte ich gar nicht lange persönlich zu treffen. Lula ist eine öffentliche Persönlichkeit par excellence, er äußert sich jeden Tag ausführlich zu zahlreichen Aspekten des brasilianischen Lebens, und ich wollte gar nicht in seine Privatsphäre vordringen.
      Vielmehr ging es darum, anhand Brasiliens und der Brasilianer, die ihn unterstützt haben, anhand der Weggefährten, die ihn mehr oder weniger gut kannten, eine Art Porträt von Lula zu zeichnen.
      Ein „kritisches Porträt“, wohlgemerkt …



      Politische Probleme


      ARTE: Viele europäische Medien berichten über Lulas Politik. Gerüchten zufolge ist Präsident Lula bestechlich geworden. Wie denken Sie darüber?

      AG: Niemand kann Lula der Korruption beschuldigen. Man kann alles Mögliche über ihn sagen, aber das nicht. Seine persönliche Ehrlichkeit wird in Brasilien von niemandem, nicht einmal von der Opposition, in Zweifel gezogen.
      Aber in seinem engsten Kreis brechen Skandale aus, und die werfen letztendlich auch auf ihn einen Schatten. Den Ursprung all dieser Affären muss man in den „widernatürlichen Bündnissen“ suchen, die Lula und seine Arbeiterpartei schließen müssen, um ihre Regierungsgeschäfte zu führen. Dazu kann man natürlich vieles sagen, und da ist im Namen der Regierbarkeit auch viel Unzulässiges geschehen …

      Aber das ist ein weites Feld, und es entspricht nicht dem, was ich im Januar 2005 in Brasilien vorgefunden habe.

      ARTE: In Ihrem Film kristallisiert sich die Agrarreform als wichtige, die brasilianischen Grenzen überschreitende Frage heraus. Welchen Inhalt und Stellenwert hat diese Reform? Warum stößt Lulas Reformwille auf so viele Hindernisse?

      AG: In Brasilien gehören 50 Prozent des Bodens nur einem Prozent der Grundbesitzer, das entspricht 30.000 Menschen! Ihnen stehen 30.000.000 Menschen gegenüber, die ein Stückchen Land zum Überleben wollen. Das ist das Ergebnis der brasilianischen Geschichte, die von der Sklaverei, von der Herrschaft der Weißen über die Schwarzen geprägt ist.
      Die Agrarreform ist also eines der Hauptprobleme des Landes. Aber Lula will sie so friedlich wie möglich durchführen, indem er den enteigneten Großgrundbesitzern den Marktpreis für ihren Boden zahlt. Dafür braucht man enorm viel Geld, und der Widerstand der herrschenden Klassen gegen die Reform ist sehr stark.
      Um das zu verstehen und mehr darüber zu erfahren, muss man sich den Film ansehen!

      ARTE: Lulas Reformvorhaben ist beachtlich. Die Dokumentation spricht von dem Druck, dem Lula ausgesetzt ist. Der Film zieht eine vorläufige Bilanz seiner Politik. Wollen Sie einen weiteren Film über das Thema drehen?

      Ich habe eine Zustandsbeschreibung versucht, und das Bild ist gewiss recht hart ausgefallen. Aber ich wollte in meinem Film nicht die Hoffnung töten, das entspricht meinem Standpunkt und meiner Sicht der Dinge: Eine Welt ohne Hoffnung interessiert mich nicht. Ich glaube, man muss sehr kritisch und streng mit Lula sein, ihm zugleich aber noch Kredit geben. Er ist ein ehrlicher Mann, und wie kein anderer verkörpert er die Hoffnung unzähliger Menschen. Hat er zu viel versprochen? Gewiss. Ist er fähig, so vieles zu verändern? Diese Frage wird die Geschichte beantworten.
      Aber mein Film betont am Ende etwas ganz Entscheidendes: Man muss sich von dem Glauben lösen, ein einziger Mensch könne das Leben eines ganzen Landes ändern. Das ist Sache der ganzen Gesellschaft … Um mit Chico zu reden: „Es reicht nicht, die politische Macht zu ergreifen. Das ist natürlich hilfreich und notwendig, aber es reicht nicht!“ Die ganze Gesellschaft muss ein „anderes Brasilien“ aufbauen. Irgendwie sind alle Brasilianer für Erfolg oder Misserfolg dieser Veränderungen verantwortlich, und dieser Gedanke gilt für alle Völker, alle Länder, für uns alle! Das ist eine wichtige Botschaft des Films.






      Update: 05/07/05
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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