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    Die brasilianische Migration ist weiblich


    Sie ist pünktlich da. Sie trägt Hose, T-Shirt und eine Hornbrille. Die dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gezurrt. „Man hat mich schon ,Preußischer Brasilianer' genannt“, erzählt Christina Ramalho. "In Brasilien bin ich mit diesem Teil von mir nicht klar gekommen. Wenn man aber noch mehr Verbindlichkeit von mir will, kann ich das nicht bieten: Ich bin schließlich Brasilianerin!". (von MONICA FAUSS)


    Christina Ramalho ist Dozentin für Portugiesisch und Trainerin für interkulturelle Kommunikation. Im Gegensatz zu vielen Brasilianerinnen in Deutschland, deren Abschlüsse nicht anerkannt werden, kann sie ihren erlernten Beruf ausüben. Trotzdem wird auch sie häufig mit den Klischees über brasilianische Frauen konfrontiert. „Was hat Business mit Frauenkörpern zu tun?“, empört sie sich etwa, als sie eine Messeeinladung erhält, die mit einer halbnackten brasilianischen Frau wirbt. Ein Protestbrief ist ihre Reaktion.

    So wie Christina Ramalho müssen sich fast alle Brasilianerinnen irgendwann mit dem Klischee der brasilianischen Frau auseinander setzen, das sie zu sinnlichen, rassigen Weibern reduziert - insbesondere diejenigen, deren Aussehen schnell vermuten lässt, woher sie kommen. Im Laufe der Zeit lernen sie auf sehr unterschiedliche Weise, damit umzugehen. Christina Ramalho ist eine von über 60.000 Brasilianern in Deutschland. Sie kam, als sich die Migration von Brasilianern nach Deutschland gerade massiv veränderte. War Brasilien bis Mitte des 20. Jahrhunderts für viele Deutsche ein Einwanderungsland, so hat sich dies seit dem Ende der 1980er Jahre umgekehrt: Innerhalb von Europa ist Deutschland heute das bevorzugte Einwanderungsland.

    Die brasilianische Einwanderung unterscheidet sich deutlich von der klassischen (Arbeits-)Migration aus anderen Ländern, bei der die Männer ins Ausland gehen. Von „Frauenmigration“ spricht die Sozialwissenschaftlerin Dália Ferreira Bischof, Mitarbeiterin der Münchner Beratungsstelle KOFIZA, die eine umfangreiche Diplom-Arbeit über dieses Thema geschrieben hat. Die Ursachen für „Frauenmigration“ sind sehr komplex. Schon innerhalb Brasiliens lässt sich die Feminisierung der Migration beobachten. Einige der Gründe hängen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes selbst zusammen. So lösen sich etwa die traditionellen Dorfgemeinschaften und die Großfamilie auf. Viele Frauen stehen mit ihren Kindern alleine da: Ohne die Hilfe eines Partners oder der Familie müssen sie ihre Kinder erziehen und gleichzeitig für das Familieneinkommen sorgen. Da sie in ihren Heimatdörfern keine Arbeit finden, wandern einige in die Wirtschaftszentren Brasiliens ab, andere wagen den Sprung ins Ausland.

    „Warum ich nach Deutschland gekommen bin? Aus Naivität. Ganz einfach. Lieber Himmel, mit 21, was weiß man da schon vom Leben? Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, an einem Strand Bier und Snacks zu verkaufen“, erzählt Susanna Freire der Autorin Adriana Nunes in einem Interview für ihr Buch über Brasilianer in Deutschland (siehe Literaturliste). Eine Deutsche hatte sie angesprochen und als Aupair eingeladen. Die Frau hatte sie mit dieser falschen Versprechung ins Land gelockt, um sie in einem Bordell zu beschäftigen. Als Susanna Freire floh, heiratete sie ihren Helfer, ohne zu wissen, dass er ein Zuhälter war, und der sie fast zu Tode prügelte. Sie konnte nach Brasilien entkommen. Mittlerweile ist sie zurück in Deutschland, um die Scheidung zu erzwingen. „Allen gemeinsam ist, dass sie auf der Suche nach einem besseren Leben sind, auch wenn es nicht alle verwirklichen können“, urteilt Nunes. Dennoch lassen sich die persönlichen Gründe nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. „Ich kenne einige Brasilianerinnen, denen es in Brasilien gut ging und die trotzdem herkamen“, erzählt die Unternehmerin Erica Caminha. „Die brasilianischen Frauen, die nach Deutschland kommen, suchen vor allem Liebe und Zärtlichkeit“. Und auch Virgínia Koch, die von Adriana Nunes interviewt wurde, erzählt: „Ich lebte gut, ich war Grundschullehrerin“. Nicht Geldmangel oder Sehnsucht nach einem Ehepartner trieb sie nach Deutschland, sondern die Suche nach menschlicher und beruflicher Anerkennung.

    Viele Wege führen nach Deutschland. Am häufigsten sind es Aupair- und Studienaufenthalte, in geringerem Ausmaß auch Geschäftsreisen, durch die Frauen hierher kommen. Viele heiraten deutsche Männer. Häufig lassen auch deutsche Männer die Frauen, die sie während eines Urlaubs kennen gelernt haben, nachreisen. Andere Frauen werden über den Heiratshandel und die Prostitution ins Land gebracht. Die Übergänge zwischen freiwilliger Migration (mit häufig glücklichen Ehen) und „Frauenhandel“ sind fließend und schwer fassbar. Keiner weiß genau, wie viele der Frauen über den „Frauenhandel“ ins Land kommen.

    In der Praxis beschäftigt sich eine Reihe von Institutionen mit diesem Themenbereich wie etwa IMBRADIVA oder KOFIZA (siehe Adressliste). Sie beraten, bieten Seminare und Vorträge an und kooperieren mit deutschen und brasilianischen Organisationen und Forschungseinrichtungen. „Ich war schockiert von der Realität, die ich hier in Deutschland vorfand“, berichtet Lucia Schulz, die sich daraufhin zur Gründung des Zentrums für brasilianische Frauen IMBRADIVA entschloss. Viele Beraterinnen erleben Fälle von häuslicher Gewalt gegen die Frauen, Kämpfen um gemeinsame Kinder und psychischen Zusammenbrüchen. „Die Brasilianerinnen sind aber keine Opfer!“, betont Schulz. „Dieser Stereotyp wird vor allem durch die Medien verbreitet". Dabei täuscht die Medienpräsenz und Dramatik vieler Schicksale darüber hinweg, dass „Frauenhandel“ nur einen Teilaspekt der brasilianischen „Frauenmigration“ ausmacht und auch die meisten Ehen mit Deutschen glücklich verlaufen. Die Psychologin Fá Stollenwerk schätzt etwa, dass lediglich 5 Prozent der Ehen von ernsthaften Missständen betroffen sind und Hilfe brauchen. Lucia Schulz schränkt aber ein: „Zahlen allein sagen nichts aus“. Zu unterschiedlich sind die Migrantinnen und ihre Geschichten.

    Stereotypen - So unterschiedlich die Lebenswege auch sein mögen, die Migrantinnen kommen immer wieder mit den Klischees in Berührung. „Also nackt im Park liegen ist keine Pornographie, aber im Bikini Samba tanzen, ja, oder was?", empört sich z.B. Roseane Bonfim in ihrem Interview mit Adriana Nunes über das in Deutschland verbreitete Vorurteil. Unkenntnis und vorgefertige Meinungen wirken sich auch auf Freundschaften und Ehen aus.

    Roseanne Bonfim hat viele Jahre gebraucht, um ihren Mann von seinen Klischees abzubringen. „Ihr aus der Dritten Welt denkt nur an Bumbumbum und Blablabla, aber wenn es darum geht, etwas auf die Beine zu stellen: nichts!“, musste sie sich viele Jahre von ihm anhören. Sie hat sich ganz besonders angestrengt, Deutsch zu lernen und viel zu lesen, um ihren Mann eines Besseren zu belehren: „Nachdem ich so lange diesen völlig irrationalen Klotz bearbeitet, ihm Punkt für Punkt die Unterschiede zwischen unseren Kulturen und unseren Mentalitäten erklärt hatte, hat sich seine Meinung geändert“, erzählt sie stolz. Roseanne Bonfim stammt aus einer Favela in Rio. Sich mit ihrer Tochter über Wasser zu halten, war sehr schwer. „Zum Glück hatte ich in meiner Freizeit den Samba“, erzählt sie. Als sie das Angebot bekam, in Deutschland Sambalehrerin zu werden, zögerte sie nicht. Bei ihrer Arbeit wird sie immer wieder mit den Stereotypen über brasilianische Frauen konfrontiert: „Alles war gut organisiert, eine schöne Show, ein angeregtes Fest... das um ein Haar ganz übel ausgegangen wäre", erinnert sie sich an den Auftritt bei einer Einweihung einer Wohnanlage. „Die Bauarbeiter meinten, sie hätten das Recht, den Tänzerinnen an den Hintern zu fassen und sie zu beschimpfen. Die dachten, wir sind Negerinnen und dumm, arm und deswegen auf Geld aus, Brasilianerinnen und deswegen Prostituierte". Roseanne Bonfim hat sich etwas einfallen lassen: „Heute tanze ich nicht mehr im Bikini, was ich sowieso nur aus Mangel an Erfahrung gemacht habe. Eigentlich fand ich schon immer, dass man sich beim Sambatanzen nicht ausziehen muss, das wurde erfunden, damit die Gringos was zum Gucken haben, eine Kommerzialisierung des weiblichen Körpers. Die Sambakultur hat so viele schöne Elemente, die hier gar nicht wahrgenommen werden... Wenn ich jetzt mit meinen Mädchen tanze, verkleide ich sie als Carmen Miranda oder als Bahianerinnen, auf jeden Fall keinen Bikini mehr, abgesehen davon, dass er ein Exportartikel ist, ist er auch nicht angebracht, bei der Eiseskälte in Deutschland".

    Dass die Tourismusindustrie sehr zu diesem Klischee beigetragen hat, davon ist Maria José Bacelar Guimarães (Centro Humanitário de Apoio à Mulher in Salvador) überzeugt: „Die Reiseveranstalter bieten eine Art touristisches Gesamtpaket mit Strand, Sonne und brasilianischen Frauen an. Der halbnackte Körper der Frau wird von der Werbung oft benutzt, selbst beim ökologischen Tourismus". Die Reduzierung vor allem der farbigen brasilianischen Frau auf ihren Körper und ihre Transformation in ein Nationalsymbol sieht sie in der eigenen (kolonialen) Geschichte begründet, aber auch durch Literatur wie etwa derjenigen Jorge Amados.

    Roseanne Bonfim ist mit ihrem kreativen Umgang mit Klischees kein Einzelfall: „Die brasilianischen Frauen arbeiten oft mit den vorhandenen Klischees. Sie benutzen sie, um in Deutschland überleben zu können, oder sie brechen sie", beobachtet die Fotografin Lene Pampolha, die seit 1990 in Deutschland lebt. Sie hat für ihren Fotoband über Brasilianerinnen in Deutschland (siehe Literaturliste) viele Frauen angesprochen und sich neben Fotos für biographische Einzelportraits entschieden. „Am Anfang störten mich die den Brasilianerinnen entgegen gebrachten Stereotypen", erinnert sich Lene Pampolha, „mittlerweile sehe ich das positiver. Die Stereotypen transportieren auch sehr viel Hoffnung und Schönheit", urteilt sie. Auch Christina Ramalho, die „preußische Brasilianerin", kann trotz aller Kritik den Klischees etwas Positives abgewinnen: „Brasilianer sind Exoten. Alle Leute wollen dieses Land besuchen". Doch sie gibt auch zu bedenken, dass die Vorstellung von der „humorvollen, rassigen Brasilianerin, von der gut aussehenden Stimmungskanone" schnell ins Negative umschlagen kann: Sie wird zur Frau des „Tanga, Samba und Carnaval", die nicht arbeiten will und am Ende nicht mehr ernst genommen wird.

    Integration - Den Brasilianerinnen in Deutschland werden aber nicht nur Vorurteile entgegen gebracht. Sie erleben Deutschland auch als Freiraum. „Manchmal sind die Vorurteile und der Rassismus in Brasilien stärker. Eine meiner Interviewpartnerinnen hielt es dort deshalb nicht mehr aus und fühlt sich nun hier in Deutschland sehr wohl", erinnert sich Adriana Nunes.

    Die Gewöhnung an Land und Leute ist aber schwer, Identitätszweifel und Isolation fangen oft schon mit der deutschen Sprache an. „Ohne die Sprache bist du nichts, kommst du nicht an die Leute ran, wirst du schlecht behandelt. Selbst in der Bäckerei: Sie haben keine Geduld", erinnert sich Christina an ihre Anfangszeit, „Du bleibst auf einer Zwischenebene". Selbst Frauen, die schon Kontakt mit dem Ausland hatten oder in einer Metropole lebten, geraten dabei ins Schlingern. Viele hochqualifizierte Brasilianerinnen stellen fest, dass ihre Berufs- und Studienabschlüsse nicht anerkannt werden. Oft bleibt ihnen nur übrig, einfache Jobs anzunehmen oder sich auf die Suche nach Nischen zu machen. Viele überlegen sich aufgrund ihrer Probleme mit der deutschen Sprache und Mentalität, ins eigene Land zurück zu kehren.

    Einige stürzen vor allem während der ersten Jahre in eine Krise. Wie etwa Ana Maria Mondini. Die in Brasilien erfolgreiche Tänzerin wurde als Choreographie-Assistentin nach Deutschland eingeladen. Die 44-jährige entschloss sich, mit ihren drei Kindern nach Deutschland zu kommen: „Ich war beeindruckt von der Schönheit, aber auch von der Schwere Deutschlands. Die Schwere der Kälte, des Graus, der vielen Kleider. Hier ist immer etwas zwischen dem Körper und der Erde", sagt sie. „Ich verspürte ebenfalls eine Undurchlässigkeit der Menschen in Bezug auf mich als Ausländerin und Vertreterin einer anderen Kultur. Das heißt, ein Teil ist neugierig, ein anderer Teil lehnt uns ab... Dieses NEIN macht mich bestürzt". Und dann zweifelt Ana Maria Mondini: „Es kommt ein Moment, in dem man nicht mehr weiß, ob die Dinge so sind, weil sie so sind, oder ob alles nur Fantasie ist. Nämlich wenn die Angst sich breit macht und man immer auf der Hut ist...", erzählt sie. Seit der Spielzeit 2001/2002 ist Ana Mondini Tanzdirektorin am Staatstheater Kassel.

    Besonders in der Anfangszeit im Land fühlen sich viele allein gelassen. „Anfangs fühlte ich mich sehr alleine. Ich hatte Angst, weil ich die Sprache nicht konnte und ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte", erinnert sich die Unternehmerin Erica Caminha, die auch Moderatorin der Internetseite www.viver-na-alemanha.de ist. Dies mag damit zusammen hängen, dass die brasilianische Gemeinde in Deutschland nicht auf ein Zentrum konzentriert ist, wie es etwa in Frankreich und England zu sein scheint, sondern sich über das ganze Land verteilt. „Viele wissen gar nichts voneinander", gibt Adriana Nunes zu bedenken. Als Erica Caminha sich auf die Suche nach Landsleuten machte, war sie erstaunt: „Ich war beeindruckt, wie viele Brasilianer es in München gibt, aus allen Bildungs- und sozialen Schichten". „Die generelle Tendenz geht dahin, dass das Leben hier Menschen näher bringt, die in Brasilien niemals miteinander zu tun gehabt hätten", freut sie sich mittlerweile.

    Auch die Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Fremdbildern und Klischees kann nicht nur eine Schwierigkeit, sondern auch eine Chance sein. „Ohne es zu bemerken, war ich zur deutschen Bahianerin geworden. Ernst, zurückhaltend und zu gestresst nach meinem Geschmack", erzählt die Autorin Nunes. „Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich die unfassbare Fähigkeit einiger Latinos kritisierte, stundenlang irgendwelches Zeug zu erzählen, Witze zu reißen, kurz gesagt: die Zeit zu vertrödeln", und fragt sich: „Hatte sich mein Wertesystem verändert? Teilweise. Die Wahrheit war, dass ich zum ersten Mal einen klaren Blick auf einige Elemente meiner Kultur werfen konnte und dialektisch dachte. Ich hatte aufgehört, immer beide Mentalitäten miteinander zu vergleichen und am Ende die brasilianische der deutschen vorzuziehen. Ich versuchte, beide Seiten der Medaille zu sehen".
    Chechel

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