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    Obrigado, João Carlos Martins!

    Von Matthias Matussek, Rio de Janeiro

    Der Brasilianer João Carlos Martins, 63, einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen der Gegenwart, gab jetzt sein Abschiedskonzert in São Paulo. Kaum einer hat Glanz und Elend einer Künstlerkarriere ergreifender verkörpert als er. Ein Dankeschön.

    "Ich fühle mich fantastisch", rief mir João Carlos Martins nach seinem Abschiedskonzert durchs Telefon zu. "Mein Freund, ich stehe am Beginn einer neuen Karriere, das ist ein Grund zu feiern." Er hatte mit dem optimistischen 3.Brandenburgische Konzert sein Debüt als Dirigent gegeben in der "Sala São Paulo".

    Typisch João Carlos. In Wahrheit hatte er geweint und sein Publikum mit ihm. Denn der wohl größte Klaviervirtuose des Kontinents hatte kurz davor zum letzten Mal am Flügel gesessen und die Nationalhymne gespielt, nur mit dem Daumen, der aus seiner verkrüppelten Rechten ragt wie ein Dorn - das Finale einer Pianistenkarriere, die aus Triumphen und Tragödien bestand. Ein Leben für die Kunst. Und was für eines, João Carlos!

    Kunst als Opfergang

    Schon als Jugendlicher, 1960, hatte Martins, langhaarig und bebrillt wie Buddy Holly, die New Yorker Carnegie Hall zum Kochen gebracht und kurz darauf Castro und Kennedy gleichermaßen hingerissen. Er galt als der neben Glenn Gould spannendste Interpret Bachs, ein stilistischer Outlaw, der die Klassiker Samba tanzen ließ.

    Er war das geniale, lebensverliebte Götterkind, das 20 Tasten in der Sekunde anschlagen konnte, und bei seiner ersten Konzertreise ins kolumbianische Cartagena im Bordell lebte. Dann, jäh, der erste Sturz, 1970, ganz banal beim Fußballspiel im Central Park, Beginn einer unendliche Leidensgeschichte - Martins hatte das Gefühl in der Rechten verloren.

    Mühsam kämpfte er sich zurück, konzertierte weiter. Doch dann gab er auf, trank, die erste seiner fünf Ehen zerbrach. Was, so fragte er sich, machte Kunst für einen Sinn, wenn man sie nicht als Meister aller Klassen vorführen konnte? Er betrog die Kunst mit dem Leben, ging fremd, reüssierte als Boxpromoter, als Bankier. "Ich zerstörte mich selber", sagt er im Rückblick.

    In den achtziger Jahren ein glänzendes Comeback. Nun war er besser als je zuvor. Der deutsche Musikproduzent Heiner Stadler, eigentlich auf Jazz spezialisiert, begann das gigantische Unterfangen, den gesamten Bach von Martins einspielen zu lassen. Unterschwellig aber lief Martins, der Autodestruktions-Fachmann, weiter auf Hochtouren. Er war ja nie blasser Kunstbeamter, sondern immer glitzernder Jetsetter. Statt mit Bach zu beten, verwickelte er sich in den frühen Neunzigern in politische Zockereien und einen Spendenskandal, der seinen Namen in Brasilien auf Jahre hinaus ruinierte.

    Im Ausland spielte das keine Rolle. Da hörte man seine Platten, und die Kritiker lagen ihm weiterhin zu Füßen.

    Martins besann sich. Er klammerte sich wieder an Bach wie an einen Rettungsring. Bis er eines Nachts in Bukarest, nach einer beseelenden Aufnahme-Session, von zwei Kriminellen niedergeschlagen wurde mit einer Eisenstange.

    Es gelang ihm, mit übermenschlichem Willen und neurologischem Spezialtraining in einer Klinik, das Gehirn umzuprogrammieren und wieder an den Flügel zurückzukehren. Um dort, unter wachsenden Schmerzen, die Bach-Einspielungen zu komplettieren (22 CD, Labor-Records, New York). Danach ließ er die Nerven zur Rechten kappen, weil er nur noch unter Tränen spielen konnte.

    Der Neuanfang

    Das war die Lage, als ich ihn im letzten Jahr aufsuchte in seinem mondänen Penthouse in São Paulo und bei ihm wohnte. Morgens saß er bereits um 5 Uhr an seinem Flügel und übte wie besessen Rachmaninoff, Scriabin, Ravel - mit der Linken. Er hatte begonnen, das Repertoire für die Linke zu studieren, und so überschäumend wie seine Musikalität war sein Optimismus, der unbedingte Glaube an ein weiteres Comeback.

    Von der SPIEGEL-Reportage "Die Martins-Passion" ließ sich die Dokumentaristin Irene Langemann zu einem gleichnamigen Filmprojekt anregen. Eine ergreifende Künstler-Biografie zwischen Konzertriumphen und Klinikverzweifung entstand da, mit Äußerungen von Freunden wie Dave Brubeck und Pelé - und von Ärzten.

    Letztere eröffneten ihm noch während der Dreharbeiten, dass es mit seiner Konzertkarriere nichts mehr werden würde: Die spastischen Krämpfe in der Linken, Ergebnis von Überanstrengungen, waren unheilbar. Tränen überströmt brach Martins zusammen, vor laufender Kamera.

    Doch Langemanns Film, der voraussichtlich auf der Berlinale gezeigt werden wird, wird beschlossen von einem wunderschönen, versöhnlichen, Martins-typische Finale, das während eines seiner letzten Auftritte gefilmt wurde.

    Ein Open-Air-Konzert. Martins spielt mit jeweils zwei Fingern seiner verkrüppelten Hände, und unten winken sie ihm zu, seine Landsleute, braune und weiße und schwarze Hände, manikürte oder schwielige, alte und junge, vor allem aber gesunde Hände, die ihm alle Sünden und Skandale vergeben haben und ihm winkend danken.

    Ciao, João Carlos

    Ich bilde mir ein, dass man Martins' Siege und Niederlagen heraushört, wenn er die Suiten Bachs spielt, und in den Läufen des "Wohltemperierten Klaviers" sein Gelächter, seinen Übermut, seine Großzügigkeit, seine Abstürze. Danke dafür, João Carlos.

    Und danke für Momente wie jenen, als du dich unvermittelt an das Klavier gesetzt hast in diesem Restaurant in Rio und meiner Frau und den anderen Gästen ein Ständchen spieltest. Und für die Begeisterung, mit der Du meinen Sohn beflügelt hast, als er dir das "Lied an die Freude" vorschrummte auf der Geige. Und für all deine unvergesslichen Geschichten.

    Jenseits der Fähigkeit, zwanzig Töne in einer Sekunde anzuschlagen, ist es wohl das, was Dich als Virtuose über die meisten anderen erhob: Du bist ein großzügiger lebensverliebter Mann. Du kannst schenken. Und diese Gabe wird Dir bleiben, auch als Dirigent.

    Obrigado João Carlos, und, um es mit Gilberto Gil zu sagen: aquele abraço
    Gruss brasilmen Thomas
    www.brasilmen.de

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