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Interview: 14 Jahre in Brasilien gelebt: Erfahrungen

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    Interview: 14 Jahre in Brasilien gelebt: Erfahrungen

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      "Zum ersten Mal hatte ich Angst um mein Leben"
      Renata Kostner Kelson ist viel in der Welt herumgekommen. Begonnen hat ihre Reise auf einem Pink Floyd-Konzert in Paris. Rio de Janeiro, Miami und New York waren dann weitere Stationen der Bruneckerin, die mittlerweile eine Blumen-Dekorationsfirma in New York betreibt. Südtirol Online sprach mit Renata Kostner Kelson über Goldminen in Brasilien, über Hurrikans in Miami und über New York nach dem 11. September.

      STOL: Sie sind in ihrem Leben viel herum gekommen. Wann haben Sie Südtirol verlassen?

      Renata Kostner Kelson: Ich bin bereits sehr früh von zuhause weg. Eigentlich hätte ich in Meran zur Schule gehen sollen; da aber meine Mutter damals den Einschreibetermin versäumt hatte, bin ich mit 14 Jahren nach Cortina zu den „Ursuline“. Nach der Matura wollte ich weg von Südtirol und bin nach Bologna, um dort zu studieren. Die siebziger Jahre waren aber wilde Zeiten. Es wurde immer gestreikt und wenig studiert. Mit 19 bin ich dann nach Paris, wo ich zwei Jahre lang an der Sorbonne Sprachen studiert habe. In Paris habe ich 1976 meinen Mann, einen Brasilianer, kennen gelernt. Wir waren auf einem Pink Floyd-Konzert, ich habe ihn angesprochen und wenig später waren wir ein Paar.

      STOL: Spricht ihr Mann Deutsch?

      Kostner Kelson: Mein Mann spricht Portugiesisch, Französisch und Englisch. Deutsch versteht er, kann es aber nicht sprechen. Mein Schwiegervater ist 1936 aus Deutschland ausgewandert und hat sich in Brasilien niedergelassen. Dort hatte er lange Zeit eine Taschenfabrik. Meine Schwiegermutter ist Brasilianerin. Der größte Teil der Familie lebt dort.

      STOL: Sie sind dann bald nach Brasilien gezogen?

      Kostner Kelson: Wir sind noch einige Monate in Paris geblieben. Mein Mann hat damals für eine brasilianische Zeitung als Journalist gearbeitet. Letztendlich sind wir dann aber nach Rio de Janeiro gezogen. Ich war 22 Jahre alt.

      STOL: Wie war der Sprung in das Südamerika der siebziger Jahre?

      Kostner Kelson: Es war eine schöne, aufregende, aber auch eine schwere Zeit. Alleine schon nach Hause zu telefonieren war damals ein Abenteuer. Nur wenige hatten überhaupt ein Telefon und da man zuhause keine internationalen Anrufe machen konnte, musste man zum Postamt. Dort musste man dann immer lange warten, um eine Telefonat nach Hause vermittelt zu bekommen.
      Ich kann mich aber auch noch erinnern, wie ich einmal mit meinem Mann zu einer Goldmine mitten im Amazonas geflogen bin. In der Siedlung um die Mine herum war ich, neben den Prostituierten, die einzige Frau. Ich musste den ganzen Tag über in einer Hütte auf meinen Mann warten, der sich um die Mine kümmerte. Die Kriminalität dort war groß, Morde waren normal. Die Arbeiter, die mit Pulvergold bezahlt wurden, haben sich wegen nichts umgebracht. Ich hatte natürlich Angst. Auch tropische Krankheiten waren sehr verbreitet. Die Armut unter den einfachen Leuten war groß; viele sind damals vor meinen Augen an Gelbsucht gestorben – einen Arzt gab es dort nicht. Es war nicht einfach und ich konnte die Siedlung nicht verlassen, denn nur alle fünf Tage kam ein Kleinflugzeug an.

      STOL: Wie ging es dann weiter?

      Kostner Kelson: Mein Mann hat den Goldhandel schließlich aufgegeben und ist zu seinem Beruf als Journalist zurückgekehrt. Er hat für die Zeitung „Manchete“ in Rio gearbeitet.

      STOL: Haben Sie selbst auch gearbeitet?

      Kostner Kelson: Ja. Ich habe zwei Jahre beim bekanntesten Juwelier Brasiliens, „Stern“, gearbeitet.

      STOL: Sie haben 14 Jahre lang in Brasilien gelebt. Beschreiben Sie das Land.

      Kostner Kelson: Brasilien ist eines der faszinierendsten Länder der Welt. Es ist ein offenes Land, das die afrikanische und die europäische Kultur vereint. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass die Brasilianer immer sehr hilfsbereit sind. Natürlich gibt es eine große Kluft zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen. Ich selbst arbeite für eine Stiftung, um den Bedürftigen zu helfen.

      STOL: Ist die Situation unter Lula, dem „Präsidenten der Armen”, der den Sprung aus den Favelas ins höchste Amt des Staates geschafft hat, besser geworden?

      Kostner Kelson: Als Lula an die Macht gekommen ist, hatten die Mittelschicht und die Oberschicht in Brasilien große Angst. Es war ein großer Schock. Schließlich hat Lula nicht einmal die Volksschule besucht und er war Mitglied der kommunistischen Partei. Mittlerweile glaube ich, dass er der beste Präsident ist, den das Land je hatte. Er verteilt Grundstücke an die verarmten Landarbeiter, gibt den Armen Kredite und baut Schulen für sie. Gleichzeitig schafft er es, internationale Schulden zu begleichen. Auch Wohlhabende sind mittlerweile für Lula.

      STOL: Sie haben aber Brasilien schon lange vor Lula verlassen.

      Kostner Kelson: Ja. 1992 haben wir beschlossen, von Rio fortzuziehen. Die Stadt, nein das ganze Land waren zu gefährlich geworden. Die Kriminalität in Rio ist ja immer noch groß. Vor allem die Drogen sind ein enormes Problem. Und da die Polizisten nur sehr wenig verdienen ist die Korruption sehr verbreitet. Seit Lula an der Macht ist, verdienen sie etwas mehr, aber Korruption kann man nicht von heute auf morgen besiegen.

      STOL: Wohin sind Sie dann gezogen?

      Kostner Kelson: Mein Mann wollte in die USA um einen Master of Busniess Administration (MBA) zu machen. Er konnte zwischen New York und Miami wählen und hat sich dann für Florida entschieden, wo wir vier Jahre lang geblieben sind.

      STOL: Wie war der Wechsel?

      Kostner Kelson: Traumatisch, denn zwei Monate nach meiner Ankunft in Miami, genauer gesagt in Key Biscane, brach der Hurrikan Andrew über uns herein. Bevor ich den Hurrikan selbst erlebt habe, dachte ich, das sei halt ein sehr sehr starker Sturm. Die Beschreibungen der Leute, von denen ich gehört hatte, hielt ich für übertrieben. Aber ich hatte ja keine Ahnung. Meine Nachbarn haben zwei Tage vor dem Sturm alles eingepackt; alle Fenster wurden versiegelt, das Haus hergerichtet und dann zogen sie nach Orlando. Ich bin damals mit meinen Töchtern Flavia, die fünf Jahre alt war, und Marcella, die zehn Jahre alt war, zu einem Freund in ein Hotel in Miami. Am 27. August 1993 ging es dann los. Zum ersten Mal hatte ich Angst um mein Leben. Das Hotel, das hurrikansicher gebaut war, hat gezittert wie im Krieg. Da waren Urgewalten am Werk, ich habe gespürt, wie klein ich bin und hatte das Gefühl ‚Ich bin nichts’. Ich kann nur schwer beschreiben, wie das damals war. Man muss es miterlebt haben, um zu verstehen, was das bedeutet.

      STOL: Stand Ihr Haus noch?

      Kostner Kelson: Der Tag danach war unglaublich. Die Zone, die der Hurrikan verwüstet hatte, sah aus, als hätte dort ein Krieg gewütet. Große Boote waren plötzlich nicht mehr im Hafen sondern lagen auf dem Festland herum. Bäume und Autos waren verschwunden, Häuser zusammengefallen. Man muss allerdings auch bedenken, dass die Amerikaner andere Häuser bauen, als die Europäer. Die Amerikaner kennen keine Ziegel, viele Häuser sind billig zusammengeschustert, damit auch arme Leute ein Dach über dem Kopf haben. Ein Beispiel: Einmal ist meine Tochter ausgerutscht und mit dem Kopf gegen die Wand geprallt: Plötzlich war ein Loch in der Wand! Jedenfalls konnte ich fünf Tage lang nicht zu meinem Haus und als ich auf die Insel kam, habe ich sie nicht wiedererkannt. Immerhin: Das Haus, das wir gemietet hatten, war beschädigt, stand aber noch.

      STOL: Wie lange haben Sie gebraucht, um das Haus wieder herzurichten?

      Kostner Kelson: Das hat nicht sehr lange gedauert und letztendlich hat auch die Versicherung alle Schäden bezahlt. Beeindruckend war für mich aber, wie die Leute nach dem Hurrikan waren. Ich habe noch nie ein Land gesehen, das in der Not so zusammenhält. Überall waren Soldaten, die Wasser und Nahrung verteilten und allen geholfen haben.

      STOL: Sie haben vier Jahre in Miami gelebt. Wie würden Sie die Stadt beschreiben?

      Kostner Kelson: Miami ist Rio ohne Gewalt. Die Stadt ist nicht amerikanisch. Es leben sehr sehr viele Südamerikaner in Miami, die Leute sind offen. Während ich in Rio überfallen worden bin, ist mir das in Miami nie passiert. Dort konnte man ohne Wächter schlafen, wir konnten sogar die Haustür offen lassen. In Rio mussten hingegen immer Wächter unser Haus bewachen.

      STOL: Was hat Ihr Mann in den USA gemacht?

      Kostner Kelson: Nach dem einen MBA-Jahr hat er für Investmentfonds gearbeitet. Später ist auch mein Schwager nachgekommen, aber ihm hat es in Miami nicht gefallen. Deshalb wollten mein Mann und mein Schwiegervater nach New York und 1996 sind wir dann auch von Miami weg.

      STOL: Wie war der Wechsel?

      Kostner Kelson: Ich habe gerne in Miami gelebt, aber ich bin auch gerne nach New York gegangen. Wir haben im Bundesstaat Connecticut in Greenwich gewohnt - in 45 Minuten ist man mit dem Zug in der Stadt. Für mich war der Wechsel nicht so schwer, aber meine Kinder waren Jugendliche und hatten Freunde, die sie zurücklassen mussten. Doch auch das war nur eine Frage der Zeit. New York ist eine aufregende Stadt, die viel bietet. Eine meiner Töchter ist jetzt in der Mode-Branche und will nach Italien. Meine zweite Tochter folgt in die Fußstapfen des Vaters und studiert Journalismus in Washington.

      STOL: Haben Sie in New York wieder gearbeitet?

      Kostner Kelson: Ja, In Miami waren meine Töchter noch klein. Deswegen habe ich nicht gearbeitet, aber nebenher Blumenkurse gemacht. In New York habe ich dann in der Parsons School of Design einen weiteten solchen Kurs gemacht und dann in einem Blumengeschäft in der Madison Avenue gearbeitet. Jetzt habe ich selbst eine Firma gegründet. Sie heißt „Fiori by Renata“. Ich habe einen Mitarbeiter und arrangiere und liefere Blumen für Hochzeiten, Feste, aber auch für Boutiquen und Modehäuser.

      STOL: Sie haben neben den abenteuerreichen Geschichten in der Goldmine und dem Hurrikan auch den 11. September 2001 in New York erlebt. Ihre Erinnerung daran?

      Kostner Kelson: Durch diesen Angriff haben die USA ihre Unschuld verloren. Da die USA zuvor noch nie von einem anderen Land angegriffen worden waren, mit der Ausnahme von Pearl Harbour im Zweiten Weltkrieg, fühlten sich die Amerikaner sicher in ihrem Land. Die Attacke hat die Realität der Amerikaner verändert - sie sind skeptischer geworden. Vorher war es ein offenes Land. Jetzt gibt es sehr viele Kontrollen. Auch wirtschaftlich hat sich einiges verändert. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung heraus sagen, dass es vorher leichter war, Geschäfte zu machen. Generell betrachtet spüren die Amerikaner, dass sie international nicht geliebt werden. Viele fragen sich: Woher kommt dieser Hass. Früher gab es ja in den Medien kaum Nachrichten aus der Welt.

      STOL: Waren Sie mit Ihren Töchtern und Ihrem Mann schon in Südtirol?

      Kostner Kelson: Ja, und sowohl mein Mann, als auch meine Töchter sind in Südtirol verliebt.

      STOL: Sie haben eine Stiftung erwähnt, die Sie ins Leben gerufen haben.

      Kostner Kelson: Meine Stiftung heißt „Klabin Foundation“ und arbeitet in „Morro do Borrel“, einer der ärmsten Favelas in Rio de Janeiro. Meine Aufgabe ist es, Geld für diese Organisation aufzutreiben und gleichzeitig Freiwillige zu finden. Mein Wunsch ist es, auch Südtiroler dazu zu bringen, diese Erfahrung zu machen und den Armen dort zu helfen. Wir hatten schon einige Freiwillige, die meist drei Wochen in Rio verbringen. Sie erleben dort eine neue Kultur und eine neue Realität und helfen Menschen in Not und Armut.

      Interview: Rupert Bertagnolli

      http://www.dolomiten.it/nachrichten/...mp;ArtId=58070
      Gruss brasilmen Thomas
      www.brasilmen.de

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