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    Arme Leute gucken

    Auf einer Führung durch die Favelas von Rio de Janeiro sollen Touristen das wahre Brasilien kennen lernen. von christoph wöhrle (text) und martin heidelberger (fotos)
    Ein stinkender Müllhaufen, in dem zwei Hunde wühlen, ist eine der Ferienattraktionen für Louise. Die elfjährige Dänin geht ganz dicht an die Tiere heran und blinzelt dabei ihrer Mama zu. Dieser ist die Szenerie zwar nicht ganz geheuer, aber da muss sie jetzt durch. Schließlich gönnt sich die fünfköpfige Kopenhagener Familie heute ein brasilianisches Urlaubserlebnis der besonderen Art: die Favela-Tour. Einmal im Elendsviertel arme Leute anschauen! Und zwar nicht im Fernsehen, sondern ganz real. Der Veranstalter garantiert Sicherheit und kühle Drinks. Am Ende versteht man die Welt ein bisschen besser und weiß, dass in Rios Slums viel gelacht wird.

    Es ist aber auch heiß heute! Familie Friis ist die Tropenwärme nicht gewohnt. Bei Papa Jesper, in der Lebensmittelbranche tätig, sind die Schweißflecken unter den Achseln inzwischen fast so groß wie die bleichen Stellen an den vom Sonnenbrand geschälten Beinen. Er bedeutet einer verwahrlosten alten Frau, dass er sie gerne knipsen möchte, und zückt die Canon. Wenn man bloß Portugiesisch spräche … Derweil hat sich das Nesthäkchen Louise in ihren Flip-Flops auf den notdürftig gepflasterten Trampelpfaden den Fuß geritzt. Die Mutter ist sofort mit einem Verband zur Stelle.

    Während sich die europäischen Gäste mit den kleinen Widrigkeiten des Lebens in einer Favela abmühen, hat der Veranstalter ganz andere Sorgen. Ihm verdirbt derzeit ein Drogenkrieg die Laune. Die Kundschaft ist verunsichert. »Im Fernsehen wird unnötig Panik geschürt, wenn es um die Favela geht«, sagt Marcelo Armstrong, Gründer von »Favela-Tour«. Er war der erste, der die Slumrundfahrt in Rio de Janeiro im Angebot hatte. Der Fremdenführer Armstrong, den 1992 ein neugieriger Franzose auf die Geschäftsidee seines Lebens brachte, trägt den Pionierstitel stolz vor sich her wie ein Ritter den Schild. »Lonely Planet«, die Bibel der Rucksacktouristen, empfiehlt seine Tour ebenso wie die New York Times. Dazu säuselt Marie Claire: »Die Gastfreundschaft dieser einfachen Menschen ist das Porträt von der Favela, das Touristen aus der ganzen Welt mit nach Hause nehmen.« Das ist genau die Sichtweise, die Armstrong auf seiner Homepage vermittelt. Dort wirbt er: »Wenn Sie Brasilien wirklich verstehen wollen, verlassen Sie Rio nicht, ohne eine Favela-Tour gemacht zu haben.«

    600 Leute bringt er im Schnitt pro Woche nach Vila Canoas und nach Rocinha, in die größte Favela Brasiliens, wo nach inoffiziellen Angaben eine Viertelmillion Menschen lebt. Insgesamt leben in Rio – was selbst seine Bewohner, die Cariocas, nicht wahrhaben wollen – 20 Prozent der Bevölkerung im über die Stadt verteilten Elend. Brasilianer, gleich ob Cariocas oder Touristen, sind an den Touren völlig desinteressiert. Die Veranstalter beziffern deren Anteil unter fünf Prozent.

    Wann immer das Fernsehen über die Slums berichtet, geht es um Mord, Gewaltexzesse und Drogen. Doch was sich seit Wochen im Hüttenmoloch Rocinha abspielt, lässt selbst Rio schaudern. Die Detonationen einschlagender Granaten, dutzende Todesopfer, Heerscharen von Armee und Polizei, die alle Zugangswege absperren. Es geht um die Machtverhältnisse im Drogengeschäft. Bis zu seiner Inhaftierung im Jahr 1997 hatte Eduíno Eustáquio de Araújo Filho, kurz Dudu genannt, Rocinha fest im Griff. Sein Erbe trat Luciano Barbosa alias Lulu an. Als Dudu aber vor einigen Monaten die Flucht aus dem Knast gelang, versuchte er die Rückeroberung von Rocinha. Seitdem herrscht ein Krieg, dessen vorläufiger Höhepunkt die Tötung Lulus durch die Polizei im April war. »Momentan kann ich mit Touristen nicht nach Rocinha fahren«, gesteht Armstrong, um gleich hinzuzufügen, dass in der Geschichte seines Unternehmens bisher niemandem auch nur ein Haar gekrümmt worden sei.

    Damit das so bleibt, stapft Familie Friis jetzt einige Kilometer von Rocinha durch die Light-Version einer Favela. Hier in Vila Canoas in direkter Nachbarschaft zum Nobelviertel São Conrado zeigt die Armut ihre Schokoladenseite: fließend Wasser, Strom und Telefon. Nur eine breite Straße trennt das Fußvolk von den Villen der Reichen. Zynisch, aber wahr: Die Touristen sind hier tatsächlich sicherer als an der schicken Copacabana. Dort reißen ihnen mitunter dieselben so freundlich grüßenden Leute die Kameras und Handtaschen vom Leib. In der Favela selbst gilt die eiserne Regel: kein Verbrechen ohne Anordnung der Bosse. Darum brauche man mit denen gar keine Absprachen zu treffen wegen der Tour, das regle sich von ganz allein, so Armstrong.

    »Dass die nicht einstürzen …«, raunt Sören, Louises 14jähriger Bruder, als er fünfstöckige unverputzte Backsteintürme sieht, auf die Jahr um Jahr eine weitere Etage gesetzt wird. Durchaus auf Wissensvermittlung bedacht, zeigt sich der Veranstalter in diesem Teil der Tour auskunftsfreudig. So erfahren die Besucher, dass ein Landloser nach geltendem Recht eine Wohnfläche für sich beanspruchen darf, wenn er sie nachweislich fünf Jahre okkupiert hat – das übliche Entstehungsmuster einer Favela. Und dass der gesetzliche Mindestlohn 240 Reais (80 Euro) beträgt, die Straßen hier keine Namensschilder haben und es viele Probleme gibt. Marina, Fremdenführerin in Marcelo Armstrongs sechsköpfigem Team, bemüht die Statistik: »Hier wohnen nur 2 000 Leute, aber pro Woche werden 600 Kisten Bier an die Kneipen geliefert. Viele Leute flüchten in den Alkoholismus.«

    Der Alkohol begegnet der Gruppe dann bei einem Umtrunk in Jorges Bar. Rafael und Israel, beide aus dem armen Nordosten Brasiliens, geben sich hier die Ehre. Willkommen heiße er sie, nuschelt ein angetrunkener Rafael, »die meine Sprache nicht sprechen. Sie müssen sehen, was für ein großes Herz wir hier haben.« Papa Friis zieht seine beiden Töchter zu sich und bemerkt, dass er keinen Arm für seine Frau mehr frei hat. »Den Menschen hier hilft niemand, also helfen sie sich selbst«, kommentiert die Führerin.

    Im Vorbeigehen wird in offen stehende Häuser hineingeknipst. Ein kleiner Junge sitzt vor einem überdimensionalen Fernseher, an der Wand hängt ein Jesusbild. »Ratenzahlung«, erklärt Marina und deutet auf den Fernseher, und ein Holländer aus der Gruppe bemerkt, dass man zu Hause in Rotterdam die Tür aber nicht so sperrangelweit offen stehen lasse.

    Mittlerweile ist die Gruppe im Projekt Para Ti angelangt. In dieser kommunalen Einrichtung werden Grundschulkinder bei den Hausaufgaben und in der Freizeit betreut. Para Ti wird von »Favela-Tour« unterstützt. Wieder gibt es eine Menge zu fotografieren: arme Kinder, die spielen, arme Kinder, die essen – Mensch, haben die Hunger. Arme Kinder beim Raufen, die Jungs können ja schon Capoeira, diesen faszinierenden Kampftanz, den die Sklaven einst erfanden. Arme Betreuerinnen, die die armen Kinder maßregeln, wenn sie zu viel gerauft haben. Ständig klicken dazu die Kameras. Nach einer Einkaufsrunde im Hausshop, wo Handarbeiten verkauft werden – der Tourist kann hier »direkte finanzielle Unterstützung in der Favela leisten« – noch ein Gruppenbild. Sich beim Fotografieren armer Leute fotografieren zu lassen, das mag Vater Friis nicht so gerne.

    Auf ins Spielzimmer. Die Führerin Marina lobt den Einfallsreichtum der Kinder. Sie haben Barbie-Puppen, die Marinas Arbeitgeber gekauft hat, in ein selbst gebautes Favela-Häuslein aus Eisstielen gesetzt. Im Fernsehen holzt Jackie Chan gerade ein paar Favelahäuser in der Bronx kurz und klein, worauf Marina mit entschuldigender Geste meint: »Die Kinder lieben das Fernsehen.« Wahrscheinlich will sie damit sagen, dass man mit sieben hier schon Schlimmeres gesehen hat als einen Actionfilm.

    »Jetzt ist mir erst klar, wie privilegiert ich mit meiner Schulbildung bin. Diese Tour hat mir wirklich was gebracht«, murmelt Cecilie, mit 16 das älteste Kind in der Gruppe der Dänen. Sören, der das gleiche Haarband trägt wie Jackie Chan, nickt. Er habe sich zunächst ja geweigert mitzukommen, Angst gehabt, aber seine Eltern bestanden darauf. »Es war sehenswert. Trotzdem würde ich bei mir nicht einfach jemanden ins Haus gucken lassen. Ist doch irgendwie respektlos.« Der klimatisierte VW-Bus, dessen Fahrer als einziger Mitarbeiter selbst in einer Favela wohnt, hält kurz am Rande von Rocinha. Hier residiert die bekannte Samba-Schule, die oft den Contest bei der Karnevalsparade siegreich bestritten hat. Die Ränge leer, keine heißen Rhythmen, kein Hauch von String auf dunkler Haut, den die Brasilianer »Zahnseide« nennen. In Rocinha herrscht weiterhin eine gespannte Atmosphäre, und deshalb hat es Marina eilig, alle Gäste ins Hotel zurückzubringen. Ein Blick auf die mit Buden bedeckten Hügel und einige Schauermärchen über das, was sich dort abspielen mag, müssen genügen. Vater Friis lässt indes die Kritik des Sohnes nur bedingt gelten. Schließlich habe man viel gelernt, und er wolle seinen Kindern zeigen, wie andere Menschen auf der Welt leben. Voyeurismus? Na, ein wenig vielleicht. Man fühle sich schon ein bisschen wie im Zoo, deshalb die eigene Kamerascheu. »Aber viel wichtiger ist doch, dass wir neben Armut so viel Freude und Lebenslust gesehen haben«, assistiert seine Gattin Marianne. In der Favela lebten vor allem anständige Menschen, keine Kriminellen, das habe man gesehen. »Wenn wir nachher alle an einem Tisch sitzen, werden wir über diese Erfahrung sprechen. Das ist sehr wichtig.«

    Rocinha, nach Einbruch der Dunkelheit. Die Buslinie, die hier endet, fährt quer durch Rio, hat aber auf diesem Routenabschnitt eine eigene Linienbezeichnung, damit früher aussteigende Fahrgäste keine Angst bekommen. Niemand lächelt. Heute gab hier es einen großen Beerdigungszug, mit dem zwölf gefallene Favelados zu Grabe getragen wurden. In der zweiten Etage in einem Haus an der großen Hauptstraße haben sich ein paar Männer versammelt. Auf dem Tisch liegt eine AK 47. Die Männer gehören dem Comando Vermelho, dem Roten Kommando an, das seinen Namen aus der Zeit der Militärdiktatur hat, als sich politische Häftlinge und Kriminelle in den Gefängnissen zusammenschlossen und Guerilla-Taktiken ausheckten. Damals gab es noch eine politische Idee. Geblieben sind die paramilitärischen Strukturen und angeblich gute Kontakte zur Farc. Die Waffen, die im Tausch gegen Kokain aus Miami kommen, sind neueste Modelle. Ein Grund mehr, warum es für die weitaus schlechter ausgerüstete Polizei ratsam ist mitzuverdienen, statt sich zu sehr einzumischen.

    Die Männer, einige sind erst 16, erzählen von ihren Heldentaten und zeigen stolz ihre Einschussnarben, die sie mit Ort und Datum benennen können. Sie bestätigen, dass es momentan nicht empfehlenswert ist, Rocinha zu besuchen. »Nicht für Gringos, nicht für Brasilianer«, fügt einer hinzu. Marcelo Armstrong ist ihnen ein Begriff. »Er trägt zwar ein goldenes Kreuz wie die HipHopper aus dem Ghetto, aber traut sich hier nur mit Aufpassern rein«, sagt Fernando. Auf die Frage, ob es zwischen den Bossen und dem Tour-Veranstalter einen Deal gebe, lächelt er: »Meint ihr etwa, hier drin ginge auch nur irgendwas ohne unsere Zustimmung?«

    Mit der Sicherheit ist das auch so eine Sache. Es sei zwar richtig, dass das Personal unter Kontrolle gehalten werde, aber garantiert sei gar nichts. Thomas ist 26 und hat etliche Jahre im Rheinland gewohnt. Er erklärt es mit einer Anekdote, die er nicht unkomisch findet. Neulich sei er aus dem Haus gegangen und da habe ein toter 12jähriger gelegen, auf der Brust einen Zettel mit der Aufschrift: »Hat zur falschen Zeit hier Drogen verkauft!« »Weißt du, sein Vater hat ihn ohne Worte abgeholt und sich ganz schnell verpisst«, sprudelt es im reinsten Ghettoslang von Köln-Chorweiler aus ihm heraus. Jede Regel werde gebrochen, von irgendwem, irgendwann. Thomas selbst verkauft seine Drogen an der Copacabana. Wegen seiner Sprachkenntnisse kommt er vor allem mit Touristen in Kontakt. Wenn jemand Abenteuer will und viel Geld hat, dann organisiert er eine Yacht mit Mädels. Noch Abenteuerlustigere mit weniger Geld nimmt er mit in eine Favela im Norden, wo das »3. Kommando« das Sagen hat. Er als Schwarzer habe dort nichts zu fürchten. »Aber woher sollte ich wissen, dass die diesem blonden Schweizer gleich die Knarre an den Kopf halten. Soll ich mich etwa dazwischenwerfen?« Er sei seit sechs Monaten wieder aus Deutschland zurück, aber habe den Eindruck, dass die Jungs viel härter geworden seien. »Da laufen 15jährige rum, die sind zu allem fähig.« Ein Typ wie Thomas mag es gewesen sein, der Anfang 2003 zwei Engländer, die Drogen kaufen wollten, in eine Favela führte, um sie dort mit seinen Kumpanen bis auf die Unterwäsche auszurauben.

    Es wäre falsch, Marcelo Armstrong mit solchen Praktiken in Verbindung zu bringen. Dennoch regt sich Unmut gegen seine Touren. »Ich verstehe die Kritiker sogar, aber sie müssen nur die Tour mitmachen«, sagt der Unternehmer. Schließlich sei er der erste Anbieter gewesen, und sein Konzept sei völlig anders als das der Konkurrenz. Mit dem Hinweis auf sein karitatives Engagement ist für ihn die Diskussion beendet. »Es ist wichtig, den armen Leuten zu helfen, statt an allem rumzunörgeln.« Über seine Einnahmen schweigt der Geschäftsmann.

    Wichtig ist ihm, darauf hinzuweisen, dass er seine Fahrten nach Rocinha wieder aufnehmen wird, sobald sich die Situation dort beruhigt hat.

    Vielleicht hat er es so eilig, die Tour durch das wilde Rocinha wieder anzubieten, weil in der ruhigeren Vila Canoas sogar schon die ersten Schilder mit Straßennamen auftauchen. »Favela-Bairro« heißt der städtische Plan, die Slums zu sanieren. Armstrongs Kapital aber sind naturgemäß die krassen Unterschiede.

    Quelle: http://www.jungle-world.com/seiten/2004/22/3266.php

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