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Noch eine Geschichte vom Sonnenaufgang an der Copacabana

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    Noch eine Geschichte vom Sonnenaufgang an der Copacabana

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      Ich möchte noch eine Geschichte über einen Sonnenaufgang loswerden. Es ist
      eine Geschichte über einen Sonnenaufgang am Strand. Die Geschichte ist frei
      erfunden. Es könnte sich um jeden beliebigen Strand handeln. Aber es soll ja
      eine schöne Geschichte werden. Deswegen soll der Sonnenaufgang nicht an irgend
      einem Strand stattfinden, sondern an einem berühmten Strand, nämlich an der
      Copacabana. Außerdem soll es eine Geschichte aus dem Help werden. Denn
      Help-Geschichten erzählen sich von selber. Der Handlungsstrang ist vorgegeben
      und jeder weiß, wie die Geschichte ausgehen wird.

      Die Geschichte fängt am späten Abend an, so gegen zehn Uhr im Appartment. Die
      Nacht davor war zu kurz, der Tag war lärmend heiß, das Mittagessen fand erst
      am Nachmittag statt. Nur gegen Abend ist es etwas ruhiger geworden. Die am
      Gaskocher zubereiteten Nudeln mit Knoblauch im Olivenöl sollen als Stärkung
      dienen. Von draußen schallt der Verkehr. Ich gehe runter, nach draußen. Der
      Pförtner hebt wie immer zum Gruß seinen rechten Daumen, bevor er das Tor
      öffnet. An der Kreuzung will der Verkehrsstrom nicht enden. Da dröhnt schon
      wieder ein VW-Bus vorbei, der hier zu Lande nicht durch den TÜV gekommen
      wäre. Nur Kleinigkeiten geben den Hinweis, daß es schon recht spät ist. Der
      Stuhl mit dem Mann, der tagsüber gelangweilt dem Treiben zuschaut und hin
      und wieder mit Nachbarn ein Schwätzchen hält, ist weg. Ebenso wie der auf
      der Kreuzung bettelnde Krüppel, der es trotz der langen Rotphasen immer nur
      bis zum zweiten Auto schafft. Auch die mit Tennisbällen jonglierenden Kinder
      sind wohl wieder zuhause. Endlich schaltet die Ampelanlage um. Die dicke, alte,
      schwarze Frau, die mit ihrem Hab und Gut vor dem Sitz der Militärpolizei
      residiert und den ganzen Tag an ihrem angestammten Platz sitzt und strickt,
      schläft friedlich. Ihren Regenschirm, der gestern noch bei einem Wolkenbruch
      gute Dienste leistete, wird sie in dieser Nacht nicht brauchen, in dieser schönen
      Nacht, die mit einem wunderschönen Sonnenaufgang enden wird.

      Schon der erste Bus fährt in die richtige Richtung. Seine Endhaltestelle liegt
      in der Nordzone, zuvor eiert er noch den langen Strand entlang. Ich setze
      mich in die letzte Reihe. Unterwegs steigt eine Dreiergruppe zu, deren
      Herkunft man schon an der Größe, der Haarfarbe, dem Schlabberlook und
      vor allem an den kantigen Bewegungen der beiden Jungs leicht erraten kann.
      Das Mädel bedankt sich beim Fahrkartenverkäufer mit einem braven
      Volkshochschul-"obrigada". Welch ein untypisches Verhalten. Typischerweise
      bedankt man sich ja nur beim Fahrer dafür, daß er einen Extrahalt macht,
      verschluckt dabei den ersten und letzten Vokal des Dankeswortes, bevor man
      vor dem Ausstieg noch schnell in den Gang spuckt. Bei meinem Ausstieg verhalte
      ich mich untypisch.

      Drinnen. Eine große Blondine sitzt in der Empore, blickt hinab und raucht dabei
      ihre zweite Zigarette. Sie ist nervös, weiß nicht, wie die Nacht verlaufen wird.
      Der Raum füllt sich rasch, der DJ legt los. Die Blondine drückt ihre Zigarette aus,
      geht hinunter und stürzt sich ins Gemenge. Sie fällt auf. Sie zieht die Blicke an sich.
      Auf der geläufigen Skala von eins bis zehn ist sie eine klare zehn. Um ihr herum
      tummeln sich meist sechser oder siebener. Auf der Tanzfläche ist sie ist in ihrem
      Element. Ihre enge schwarze Kleidung betont ihre hochgeschossene schlanke Figur.

      Die Lieder sind die gleichen wie immer. Die Stimmung ist die gleiche wie immer.
      Die Leute sind die gleichen wie immer. Ein junger Italiener schmeißt eine Runde
      kühlen Sekt und schart eine Horde Piranhas um sich. Ein angehender Frührentner
      träumt mit einer übergewichtigen Mulattin an seiner Seite vor sich hin. Auch die drei
      Geschäftsleute im dunklen Anzug haben sich eine Tischdame erkoren. Die Garotas
      sitzen, suchen, tanzen. In diesem bunten Trudel ahnt keiner etwas vom Sonnenaufgang.

      Unten. In einer Nische an der Bar am Balkon schlürft eine Schwarzhaarige ihre
      Caipirinha. Ein Tatoo blitzt durch das nabelfreie Shirt. Sie gibt sich freundlich,
      aber eigentlich ist sie traurig. Gegenüber an der Bar hängt ein Typ über seinem
      Cocktail, der hier zwei Tage zuvor mit ihr die ganze Nacht herumgeknutscht hat.
      Letztlich aber meinte er, er habe kein Geld, so daß es nicht zum Deal kommen
      konnte. In den letzten Tagen konnte sie kein Geschäft machen. Nur herumstehen,
      warten, suchen. "Wie heißt du, wie alt bist du, woher kommst du?". Als spontane
      Antwort kommt ihre Anmerkung, daß die Deutschen hier gewöhnlich scharf auf
      schwarze Haut sind: "Os alemães que vem aqui só querem falar com as moças
      de pele negra." Ja, so erfährt man etwas über die Vorlieben der eigenen Landsleute.
      "Mag mich hier überhaupt keiner?" zweifelt sie an sich. "Hol mich hier raus!"
      fordert ihr offener Blick, der verrät, daß alles möglich ist, weil es nichts zu
      verlieren gibt. "Ich möchte tanzen."

      Die Hütte ist brechend voll. Inzwischen gehen die ersten. Die große Blondine
      ist schon weg. Im Nebenraum, in dem Sambarhythmen gespielt werden, geht
      es ruhiger zu. Noch ein Cocktail. Pause. Weiter. Mal näher, mal entfernter. Die
      Hütte leert sich. Noch ein Cocktail. Jetzt ist fast keiner mehr da.
      Party-End-Stimmung. Schluß. Nur noch ein paar angeschlagene Typen hängen
      an der Bar ab. Und ein paar abgewrackte garotas warten immer noch. Vielleicht
      finden sich noch die Richtigen. Der Zigarrettenqualm schwebt in dicken
      Schleiern von der Decke herab. Das restliche gute Dutzend eilt geschlossen die
      Treppe hinunter zum Ausgang.

      Endlich ist er da, der lange ersehnte Sonnenaufgang. Kein Einweiser versucht
      die herauskommenden Partylöwen zu den Taxis mit überteuerten Festpreisen zu
      lotsen. Kein Dealer versucht seinen Stoff anzudrehen. Kein Straßenkind
      versucht ein paar Reais abzubetteln. Die Straßen sind völlig frei. Die Stadt
      schläft. Die dicke, alte, schwarze Frau schläft. Nur der Pförtner wacht und
      schaut immer noch in den kleinen Fernseher, der schwarz-weiss vor sich
      herflimmert. Zum hochgestreckten Daumen zwinkert er nur müde.

      Gegen Mittag gehen wir zum Strand. Der Verkehrslärm hat wieder die übliche
      Stärke erreicht. Der Mann auf dem Stuhl hat wieder seinen angestammten Platz
      eingenommen. Der an der Kreuzung bettelnde Krüppel schafft es wieder nur bis
      zum zweiten Auto. Die Kinder jonglieren wieder mit ihren Tennisbällen. Und die
      dicke, alte, schwarze Frau vor der Militärpolizei strickt wieder. Heute, an diesem
      wunderschönen Sonntagmorgen mit dem wunderschönen Sonnenaufgang konnte
      sie wenigstens etwas ruhiger schlafen. Wir wandeln am Strand entlang, atmen die
      frische Meeresluft. In der Nacht war ich noch "carinhoso", am morgen "gostoso"
      jetzt bin auf einmal "safado". (Wie kommt das, fragt der Stammgast.) Wir reden
      auch über das "ielpi". Sie arbeitet inzwischen einen Monat dort, zuvor war sie
      in einem Call-Center beschäftigt. Ihre Mutter, die sie ebenso wie ihre Tochter
      über Wasser hält, glaubt, sie würde in der Nacht kellnern. "Ja, so ist das", seufzt
      sie, wird aber gleich wieder munter: "Sag doch mal ein paar Worte auf deutsch".
      Wir schauen auf das weite Meer. Vielleicht wird sie bald eine Europareise machen,
      meint Simone in ihrem angenehmen, neckischen Ton. Es ist Nachmittag geworden
      und sie möchte nach Hause gehen, um sich ein wenig auszuruhen. Heute nacht
      muß sie wieder arbeiten.
      ---
      Quem muito se abaixa, o cu aparece.
    • #2

      Hallo Stammgast,

      ja das ist in der Tat eine nette Geschichte, aber verrate mir doch bitte mal, was das denn nun genau mit dem versprochenen Sonnenaufgang zu tun hat. Oder ist da nur bei Dir die Sonne aufgegangen? Hat sich da etwas verändert zu den anderen Besuchen der beschriebenen gastronomischen Einrichtungen? Ansonsten hast Du die morgendlichen Straßenzustände genauestens beschrieben. Danke für Deine schöne Beschreibung und hoffentlich nicht Deine Letzte.

      Gruß
      belinda


      PS Warum schreibst Du diese Geschichte nicht in den Stammtisch, da wo sie hingehört?

      Kommentar

      • #3

        Liebe Belinda,

        den Begriff "Sonnenaufgang" habe ich nur als Metapher benutzt, um nicht der blindwütigen Provokation bezichtigt zu werden. Der do Leme hätten den Sonnenaufgang sicher etwas knackiger dargestellt. Außerdem geht in der Geschichte tatsächlich die Sonne auf.

        In der beschriebenen gastronomischen Einrichtung gab es fast jede Nacht etwas anderes zu essen. Deshalb mußte ich auch die Bezeichnung "safado" einstecken. Insofern hat sich rund um das Sonnenaufgangs-Erlebnis schon etwas verändert, nämlich das Menü.

        Am Stammtisch gibt es zu viele unqualifizierte Bemerkungen, gegen die eine so wunderschöne Geschichte mit einem ebenso wunderschönen Sonnenaufgang geschützt werden muß. Darüber, ob solche Geschichten überhaupt dorthin gehören, gibt es bekanntlich verschiedene Meinungen. Letztendlich habe ich diese Geschichte hierher gesetzt, weil sie einerseits als ein Teil einer "Reise nach Brasilien" gesehen werden kann und weil hier andererseits die Beiträge nicht nach einer gewissen Frist unter den Tisch fallen, hofft

        der Stammgast
        ---
        Quem muito se abaixa, o cu aparece.

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