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Ich liebe Brasilien..., oder?!? "Tour 2000"

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    Ich liebe Brasilien..., oder?!? "Tour 2000"

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    Kommentar

      Brasilientour 2000

      vom 22. Dezember bis 16. Januar

      Sollte sich dieser Bericht langweilig und künstlich vergrößert lesen, dann hab ich es richtig gemacht, denn das Land, in dem diese Tour stattfand, ist genau das... Groß, viel zu groß und von fast tödlicher Langeweile. Es gibt auch nicht viele Bilder, denn kaum etwas ist die 39 Pf für die Entwicklung wert. Wenige Tage nach dem Theater mit dem Zoll in Santos ging es wieder los. Ich war über 50 Tage auf Entzug und nun hatten der Daimler und ich das dringende Bedürfnis, Kilometer zu fressen, außerdem mußte ich mich doch bei meiner Oma dafür bedanken, daß sie mich im Kampf gegen die fleischgewordene Idiotie unterstützte, indem sie meine Kampfkraft durch kräftige Finanzspritzen aufrechterhielt. Und gleich vorweg, bevor hinterher wieder geschrieen wird, viel Gutes über Brasilien gibt es hier nicht zu lesen, denn dieses Land hat bei mir verschissen bis in die Altsteinzeit. Die Brasilianer an sich sind jedoch im Allgemeinen sehr nett und hilfsbereit, besonders den "Gringos" gegenüber, und das Generve, wie man es aus Afrika kennt, gibt es in dieser Form hier nicht. Das Abzocken ist überwiegend staatlich organisiert und wenn man nicht aus 10 km Entfernung zu Erkennen gibt, daß man Tourist ist und die Sprache beherrscht, wenn die notwendig ist, dann kann man sich hier fast allerorts frei bewegen.


      Mamma-Besold Cheffin
      Besold Fahrer

      Kilometerstand bei Abfahrt: 650.837 km



      --------------------------------------------------------------------------------

      Freitag, 22. Dezember 2000

      Das Auto war gerade mal eine Woche aus diesem gottverfluchten Hafen, über 50 Tage stand der Motor. Das war wohl die längste Fahrpause in den letzten sieben Jahren gewesen und das tut nicht gut. Ein Auto ist zum Fahren da, alles andere ist Blödsinn. Eben dieser scheint hier in Brasilien geboren zu sein, aber dazu später.
      Operiert wurde von Campinas aus. Dies wird für die nächste Zeit auch die Basis für verschiedene Operationen sein. Unser Haus stand noch, wenn auch leicht heruntergekommen. Die Gründe sind klar: Seit unsere Familie im Jahre 1989 wieder nach Deutschland umzog, wurde das Haus an Leute von Bosch vermietet. Die hatten die Angewohnheit, das Haus in besserem Zustand zu verlassen, als sie es vorgefunden hatten. Mitte der 90er Jahre blieben jedoch die Boschleute weg, das Haus mußte dennoch vermietet werden und da fand sich auch eine brasilianische Familie mit italienischem Namen. Vater, Mutter, zwei Kinder, bezahlt wurde nur noch ein Drittel des üblichen Mietpreises, das aber auch nur so lange, bis überhaupt keine Miete mehr gezahlt wurde. Damit aber nicht genug, innerhalb von einigen Jahren hatte das Haus, im Kolonialstil errichtet, das Aussehen einer Barracke angenommen. Ein Wunder, daß jetzt nur die Familie weg ist und nicht das ganze Haus. Das hier wird bis zu seinem Verkauf mein neues Quartier sein.
      Um 6:55 Uhr Ortszeit ging es los. Bis Belém sind es über 3.000 km, an Nachtfahrten ist nicht zu denken, dafür ist der Straßenzustand außerhalb des Staates São Paulo umso bedenklicher. Übermorgen ist Heiligabend, das deutscheste aller Feste und ich hatte keine Lust, ihn in irgendeinem gottverlassenen Nest irgendwo in Nordbrasilien zu verbringen. Das bedeutet, daß von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gefahren werden muß, nach Möglichkeit Vollgas. Was die Sache auch nicht angenehmer machte war der Umstand, daß die Lüftung nach wie vor ratterte, der Einsatz der Klima daher nicht möglich war. Der Äquator ist ziemlich klebrig...
      Wir waren diese Strecke bereits einmal gefahren, nämlich im Jahre 1985 oder 1986, aber nicht mit einem 200D, sondern mit dem Chevrolet Caravan, dem damaligen Geschäftswagen meines Vaters. Die erste Station war damals Ribeirão Preto gewesen. Daran fuhren wir heute nach einigen Stunden vorbei. Damals waren wir nach Weihnachten gefahren...


      Die "Anhangüera", eine der wenigen Autobahnen im Land. Diese müssen sie sich von den Franzosen abgeschaut haben, zwar ist die Qualität des Belags niedriger, aber das wird dadurch ausgeglichen, daß die Mautgebühren höher sind.

      Auch hier gilt: Alles, was in Brasilien gut ist, ist unverhältnismäßig teuer. Wenn die Strecke allerdings bis Belém so geblieben wäre, dann hätte ich keinen Grund zu meckern gehabt, denn immerhin entfällt hier das zeitraubende und nicht immer risikoarme Überholen. Doch ich wußte ja, daß sich außerhalb von São Paulo kaum mehr eine Autobahn findet. Und - tatsächlich - genau an der Grenze zum nördlichen Nachbarstaat Minas Gerais hört die Autobahn auf und geht in eine ziemlich geschundene Landstraße über.

      Die Brücke. Ich weiß nicht, ob sie die beiden Bundesstaaten trennt, also über den Rio Grande führt, oder über einen Nebenarm - sieht sowieso alles gleich aus.

      In Cristalina, etwa 100 km vor der peinlichen Hauptstadt Brasília wurde aufgetankt. Der Tankwart macht mich darauf aufmerksam, daß die Benzinzapfsäule dort vorne ist.

      "Wo?"
      "Na, daaa! Da, wo Benzin dransteht."
      "Ach, ja! G - A - S - O - L - I - N - A. Stimmt, Sie haben Recht! Die Säule steht da. Was soll ich jetzt machen?"
      "Na, ich denke, Sie wollen tanken..?"
      "Will ich auch! Aber ich nehm doch lieber Diesel."
      "Wie, Diesel? Fährt das Auto etwa mit Diesel?"
      "Ja. Auch."
      "Was ist das überhaupt für ein Auto?"
      "Ein Mercedes."
      "Mercedes? Was für ein Baujahr?"
      "Acht Zwo."
      "Also, ich tu jetzt da Diesel rein..."
      "Ja, ich bitte darum."

      Er schaut mich an, als ob er sagen wollte "Wirst schon sehen, was Du davon hast." Dann sieht er sich das Auto genau an, fragt, wo das Kennzeichen her ist und fragt mich dann, ob ich das Auto dort auf Diesel umrüsten ließ. Ich erklärte ihm, daß der schon als Diesel geboren wurde. Diesel sei eine praktische Sache. Ist billig, wirtschaftlich, krisensicher und nicht so defektanfällig und ich fragte ihn, warum es hier denn keine Diesel-PKW gäbe. Das wüßte er auch nicht, gibt es halt nicht, nur Nutzfahrzeuge. Dafür gibt es Autos, die mit Alkohol fahren, doch selbst der ist teurer als Diesel.
      Weiter ging's. Wir hatten keine Zeit. So sehr man beim 200D auch auf die Tube drückt, es kommt immer irgendwoher einer und setzt noch eins drauf.

      Dieser LKW, ganz rechts im Bild, auf diesem angedeuteten Standstreifen, muß es verdammt eilig gehabt haben.

      In Brasilia selbst verfuhren wir uns erstmals. War ja klar. Ohne Verfahren geht keine Fahrt über die Bühne. In der Hauptstadt selbst gibt es nicht viel zu sehen. Da hat man versucht, mitten in die Pampa eine Hauptstadt hinzustellen, dies aber nicht ganz geschafft. Da bekommt im Vergleich sogar Yamoussoukro eine Existenzberechtigung. Alles, was wichtig ist, spielt sich ohnehin in São Paulo ab. Das Wichtigste war wohl, möglichst viel Geld auf einmal zu verschwenden, davon scheinen sie ja genug zu haben, nur eben an den falschen Stellen. Wenn ich nur daran denke, was man für schöne Straßen mit dem Geld bauen hätte können...

      Das hier soll wohl ein Versuch sein, mit Wien mithalten zu wollen. Die weißen Kutschen und die Herren in Frack und Zylinder fehlen allerdings noch.

      Man soll natürlich nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, daher will ich versuchen, den rechten Maßstab zu verwenden: Weder in Bamako noch in Ouagadougou waren die Straßen in einem so schlimmen Zustand - wohlgemerkt: Innerorts, in der Hauptstadt.
      Gleich am Eingang fuhren wir an einem Schild mit der Aufschrift "Anápolis" vorbei. Ich fragte mal nach:
      "Haben wir nicht 1985 im Hotel Anápolis übernachtet?"
      Chefin meinte: "Nö, noch nie was davon gehört. Wir müssen auf die Belém - Brasília"
      "Ja, aber ist die nicht da? Hotel Anápolis! Vielleicht führt die von Brasília über Anápolis nach Belém, die sind wir doch gefahren 85..."
      "Nein, die muß weiter vorne sein..."
      Etwa eine halbe Stunde später wird ein LKW-Fahrer an der Ampel nach der Belém - Brasília gefragt. Der meint: "Umdrehen, andere Richtung." Vom Auto auf der anderen Seite will einer wissen, wo unser Kennzeichen her ist. "Alemanha."
      Also umdrehen und sicherheitshalber nocheinmal beim nächsten LKW-Fahrer fragen. Natürlich konnte ich mir die Meldung nicht verkneifen: "I hob's jo glei g'sogt...", woraufhin die Chefin sichtlich verärgert meinte "Quatsch, Du hast 'Hotel Anápolis' gesagt..." und ich "Stimmt, hast Recht, bin ich dumm. Das Hotel Anápolis könnte auch in Berlin stehen...". Etwa eine Stunde, nachdem wir das Schild zum ersten Mal passiert hatten, sahen wir es wieder und bogen also doch nach Südwest in Richtung Anápolis ab. Idiotische Streckenführung, wenn man mich fragt. So ein Ärger, das hätten wir auch kürzer haben können, denn wir waren von Südosten gekommen, fuhren nun nach Südwesten, um danach wieder in Richtung Norden zu fahren. Nun hatten wir einen entgegen der Generalrichtung verlaufenden Zacken von mindestens 200 km in der Route.
      Hinter Brasília wurden die Landstraßen merklich schlechter und die letzten 100 km bis Anápolis legten wir in der Dunkelheit zurück. Nachtfahrten gilt es zu vermeiden, unter allen Umständen. Zumindest wurde man nicht müde, uns das zu erzählen. Überfälle, weggeschwemmte Straßenstücke, Unfälle usw. Und es schien auch vernünftig. Schlafen muß der Mensch auch mal, je später man in die Falle kommt, desto später steht man auf, wenn man fit sein will. In der Nacht ist man hier wesentlich langsamer unterwegs als tagsüber, so daß es sich nicht lohnt, Nachts noch 150 km zu fahren und dann drei Stunden nach Sonnenaufgang, wenn man 250 km bereits hinter sich gebracht haben könnte, noch zu schlafen. Also in Anápolis raus und ins Hotel - Stilbruch eigentlich, aber es sollte wohl so sein. Angenehmer als im Freien ist es - es sei denn, draußen wäre Wüste - nur ist es eben auch teurer. Überhaupt hatte ich dieses Kaff als Straßendorf mit viereinhalb Häusern in Erinnerung.
      An dieser Stelle, eine kleine Familienstory aus dem Jahre 1985, die in meiner Erinnerung mit dem Namen "Anápolis" verbunden ist: Wir machten hier damals unsere dritte Station, stellten das Auto vor dem besten Hotel der Stadt ab, eben dem Hotel Anápolis. Es war eine ganz harte Absteige, ganz und gar nicht ratsam für eine Familie mit drei Kindern, aber etwas Besseres fand sich nirgendwo. Am nächsten Morgen wollte mein Vater die Hotelrechnung begleichen und schickte mich hinunter, um seine Dokumententasche zu holen, die er am Vortag im Auto vergessen hatte - ich habe meine Vergeßlichkeit nicht gestohlen, sondern geerbt. Ich stapfe also mit dem Autoschlüssel hinunter und stehe mitten auf dem Wochenmarkt. Dort, wo eigentlich unser Auto hätte stehen sollen, war nun ein Verkaufsstand. Ich sofort zurückgespeucht und Meldung gemacht. Daraufhin mein Vater sofort runtergelaufen und den Nächstbesten gefragt, wo das Auto sei. "Das haben wir da hinter geschoben... Es war offen" Als er am Auto ankam, stellte er fest, daß nicht das Geringste fehlte und wunderte sich wohl recht sehr darüber. "Wieso fehlt nichts?" Auf die Antwort hätte man glatt selbst kommen können: "Wenn hier ein neues Auto mit Kennzeichen aus São Paulo offen herumsteht mit Geld- und Dokumententasche drin, dann gehört das entweder einem Polizisten oder einem Mafioso. Mit keinem von beiden will der gemeine Dieb sich anlegen..."

      Da sieht man es mal wieder. Die einen geigen sich um nichts und denen passiert nie was, andere verriegeln und verrammeln alles und weden trotzdem bestohlen. Ist nicht der Regelfall, aber das gibt es auch. Ich darf hier feststellen, daß keinem von uns in 10 (wir Kinder) bzw. 15 (Vater) bzw. über 30 Jahren (Mutter) Brasilien niemals etwas durch Feindeinwirkung verloren ging. Andererseits traf ich nicht einen von meinen damaligen Klassenkameraden aus Brasilien wieder, der noch nicht mindestens einmal das Opfer eines Überfalls geworden ist.
      Das "Hotel Anápolis" gab es nicht mehr, wir mußten uns mit dem "Panorama-Hotel" zufriedengeben, das wir um 21:00 Uhr erreichten.
      Der Kilometerzähler verriet, daß wir heute 1.066 km gefahren waren. 76 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, 14 Stunden und fünf Minuten Dauerbetrieb. German Diesel...


      Samstag, 23. Dezember 2000

      Sinnvollerweise war geplant, noch bei Dunkelheit aufzustehen, zu packen und zu frühstücken und im ersten Morgengrauen loszufahren. Das war die Theorie. In der Praxis kamen wir aber doch erst um halb acht los, nachdem wir wahllos und mit aller Gewalt irgendwelche Sachen vom Frühstücksbuffet verschlangen.
      Der Anlasser hatte wieder mal keine Lust, anzuspringen. Das war zuletzt in Mali der Fall gewesen. Damals hatten wir Zeit, aber jetzt eben nicht. Hier mußte man mit der brasilianischen Methode ran. Hammer aus dem Kofferraum, damit dann wie ein Besessener auf den Anlasser eindreschen und sich dabei sagen "Kaputt ist er eh schon", dann zurück in die Kanzel und starten. Klappte wunderbar. Nichts wie los.
      Am Kreisverkehr am Ortseingang stand schon Belém angeschrieben. Wunderbar, wenn es auch nicht bedeutete, daß die Beschilderung auch weiterhin so bleibt. Die Straße wurde zusehends schlechter, die Schlaglöcher immer größer. Alles deutete daraufhin, daß wir unseren Schnitt nicht zu halten in der Lage sein würden, was uns aber nicht davon abhielt, es wenigstens zu versuchen.
      Es dauerte nicht lange und die unselige Kombination von Landstraße ohne Standstreifen, LKW-Verkehr, keine Schilder, Schlaglöcher etc. machte unser Vorhaben, noch heute Goiás und Tocantins zu durchqueren und mindestens bis Imperatriz zu kommen, zunichte. Eine weitere brasilianische Spezialität ist das fast vollstänige Fehlen von Enfernungs- und Richtungstafeln. Allenfalls kommt man an Schildern vorbei an denen ganz deutlich abzulesen ist, daß darauf einmal etwas gestanden haben muß. Wem sowas wohl weiterhilft...


      LKW beim "Walzertanz".

      Nun ging es los, die Nadel kam kaum mehr über die 80 km/h-Marke hinaus, denn kaum gab man Gas, mußte man schon wieder drosseln, manchmal sogar anhalten, wenn nur eine Fahrbahnseite benutzbar und schon vom Gegenverkehr eingenommen war. Das Überholen wurde zur Glückssache, denn man mußte noch zusätzlich, vor jedem Überholmanöver, die Beschaffenheit der gesamten Fahrbahn untersuchen einschließlich des Stücks vor dem zu überholenden Fahrzeug. Man braucht nicht glauben, daß die LKW rechtzeitig stehen, wenn etwas sein sollte - selbst wenn sie wollten - sie ziehen einfach nach links und umfahren das Hindernis. Besonders unangenehm ist das Ganze, wenn noch eine unübersichtliche Kurve hinzukommt, auch dann, wenn man selbst nicht überholt. Mehr als einmal fanden wir uns einem dieser fetten Scania-, Volvo- oder Benz-Sattelschlepper gegenüber, der uns auf unserer Fahrbahnseite entgegenkam, weil seine nicht mehr befahrbar war oder bereits ganz fehlte.
      Sie hatten sich die Mühe gemacht, ein Schild aufzustellen, das auf Straßenschäden aufmerksam machte. Sehr geschickt, wenn das Schild nicht gewesen wäre, dann hätte wohl kein Mensch gemerkt, daß dieser Schaden hier einst eine Straße gewesen sein soll. Um Geld zu sparen, sollten sie vielleicht in Zukunft Schilder aufstellen mit der Aufschrift "Straße", und zwar für die kurzen Stücke, bei denen der Durchmesser der Schlaglöcher kleiner als 30 cm ist. Und was sie sich da sparen würden! Die bräuchten nicht ein einziges Schild zu drucken. Ich schimpfte weiter, der Daimler holperte weiter, Mamma-Besold ertug das alles sehr geduldig und meinte nur ab und zu: "Achtung, da ist ein Schlagloch!" - "Welches meinst Du jetzt?"
      Dann fehlte plötzlich der Asphalt ganz. Dafür war also das Schild gedacht. Völlig daneben. "Straßenschäden" stand da... Welche Straße, bitte?

      Man muß sich immerhin vor Augen halten, daß es sich hierbei um eine Hauptverkehrsverbindung handelt.

      Es ist unglaublich. Der gesamte Schwerlastverkehr vom und zum Norden des Landes fließt über diese Straße. Ein flüssedurchzogenes Land, das sich gerne mit den USA vergleicht und das weder eine Eisenbahn noch eine Binnenschiffahrt nötig hat, alle Transporte über die Straßen abwickelt und es selbst dann nicht schafft, diese wenigstens einigermaßen instandzuhalten, kann noch so große Shopping-Centren bauen, es ist und bleibt eine Karikatur. Milliarden, von irgendwoher geliehen, um eine Hauptstadt in den Busch zu pflanzen, anstatt sie für solch grundlegende Sachen aufzuwenden. Das ist mal klassische Mistwirtschaft. Klingt's arrogant? Ist auch so gemeint...

      Nun gut, das Schimpfen alleine bringt einen hier auch nicht weiter. Für Unterhaltung auf diesem Stück sorgte eine junge Schnepfe, die ich verdächtige, Tochter eines Großgrundbesitzers aus der Gegend zu sein. Brettert da mit ihrem nagelneuen Chevrolet Corsa (entspr. unserem Opel Corsa) über die Löcher, die oft einen halben Meter tief sind, als wäre dieses unsägliche Stück Acker eine glatte Asphaltstraße. Als sie an uns vorbeifuhr hörte man nur ihr Bodenblech, wenn es mal wieder auf Grund ging. Genau in der Marnier glaubte sie, gleich auch noch den LKW vor uns überholen zu müssen. Der machte ihr aber dann doch einen kleinen Strich durch die Rechnung, indem er von ganz rechts nach ganz links fuhr, um ein ausgewaschenes Stück zu umfahren. Zu ihrem Glück wußte sie noch, wo die Bremse war, erst sah man die Bremslichter aufleuchten, dann nur noch eine Staubwolke. Selbst schuld, ich konnte mir das Gelächter nicht verkneifen. Der LKW ließ sich überhaupt nicht stören, fuhr langsam wieder nach rechts und noch während die Schnepfe sich hupend über den LKW-Fahrer ausließ fuhren wir auch gleich noch links an ihr vorbei. Es dauerte etwas länger, bis sie wieder da war, vermutlich mußte sie sich erst ein paar Minuten darüber wundern, warum ihr Motor ausgegangen war.

      Es ging noch eine ganze Weile auf diesem Untergrund weiter und diesem Stück folgte danach sehr schlechter Asphalt. Irgendwann wurde die Straße aus unerfindlichen Gründen ein wenig besser und man konnte wieder ein wenig aufs Gas gehen. Schlaglöcher waren nur in den Niederungen.
      Je weiter man in den Norden kommt, desto afrikanischer werden die Verhältnisse. Es kam mir alles nur viel trostloser vor, denn in Afrika war man lächelnde Menschen gewohnt, wenn man so durch die Dörfer fuhr. In Afrika waren die Dörfer arm, hier würde ich sie eher als heruntergekommen bezeichnen.
      Nach ein paar Stunden Fahrt ward es weit vor uns ziemlich schwarz und duster und es blitzte wie in schlechten Gruselfimen. Gewitterfront. Wir fuhren genau darauf zu. Es dauerte auch nicht lange und wir hatten sie bald erreicht.

      "Fern im Norden stehen dunkle Wolken..."

      Es verhielt sich nicht wie üblich, daß es erst dunkel wurde und dann zu regnen begann, sondern man fuhr bis unmittelbar vor dem Gewitter in strahlendem Sonnenschein. Man fuhr auf eine Wand zu, hinter der man von außen nichts mehr erkennen konnte. Der LKW, der etwa 100 m vorausfuhr, schaltete seine Lichter ein, ich tat es ihm gleich. Ich beobachtete, wie er in die Gewitterfront einbrach und kurz darauf sah man keine Sillouette, nichts mehr, außer den Lichtern und die waren auch bald verschwunden. Von Rolf Hermichens berühmten Ruf "Hinein!!!" begleitet brachen auch wir einige Sekunden später ein in diesen brodelnden Hexenkessel. Es setzte urplötzlich der Lärm der dicken Hagelkörner ein. Sichtweite beträgt wenige Meter, Geschwindigkeit sofort herunternehmen. Reden war zwecklos, es mußte gebrüllt werden, die Wischer leisteten schwerste Syssiphusarbeit. Ich tastete mich an den LKW heran, konnte anhand seiner Schlußlichter seine Bewegung erkennen und schloß auf. Von der Straße sah man nichts, auch nicht unmittelbar vor dem Bug. Die Scheiben liefen an, ich schaltete die Klima an und selbst das Rattern des Gebläsemotors war nur bei genauem Hinhören zu vernehmen. Das ging dann erstmal so weiter, bis es stark nach verbrannten Plastik zu stinken begann und aus den Lüftung feiner Rauch kam. Abschalten... und die Scheiben mit irgendeinem Wisch so frei wie möglich halten. Nach etwa 20 Minuten ging das Hageln in Regen über, der immer dünner wurde. Es schien überstanden. So etwas ähnliches hatte ich einmal in dem Bericht eines Kongoreisenden gelesen und hatte es für leicht übertrieben gehalten - nun wußte ich es besser. Der Kongo liegt übrigens etwa auf gleicher Höhe, nur weiter im Osten, daher kann das vielleicht doch am Äquator liegen.
      Etwa eine Stunde dauerte es und es war wieder heiter Sonnenschein, als ob es den ganzen Tag nicht anders gewesen wäre.

      Die Ruhe nach dem Sturm...

      Die Straße war wieder halbwegs in Ordnung, es herrschte nach wie vor reger LKW-Verkehr, doch das Überholen gestaltete sich eben Aufgrund des besseren Belags einfacher. Wo es nur ging wurde Vollgas gefahren. Wir verließen den Staat Goiás und kamen nach Tocantins hinein. Diesen Staat gab es zu meiner Zeit noch nicht, den haben sie vor einigen Jahren woanders abgetrennt. Er ist daher noch ziemlich neu und die Straßen sind noch sehr in Ordnung. Natürlich wird auch dieser Staat nach einigen Jahren verfaulen, wie alle anderen, die Straßen werden verkommen und er wird genauso aussehen, wie die anderen auch, aber noch war es nicht so weit.

      Wir fuhren wieder an Gurupí vorbei, wo wir 1985 mangels Alternative in einem mehr als schlechten Hotel übernachten mußten. Eigentlich wollten wir heute bis Imperatriz, was an der Nordgrensze von Tocantins liegt. Wir schafften es aber leider nur bis zur Mitte, 340 km nach Gurupí war für uns Schluß, denn um 20:30 Uhr, es war längst dunkel geworden. Also quartierten wir uns in Guaraí ein. Als erstes merkte ich, daß es hier wohl keine Sommerzeit gibt und es daher erst 19:30 Uhr war.
      Die Gesamtstrecke betrug bis hierher 1.972 km, davon 906 heute, der Schnitt betrug 69 km/h, der schlechteren Straßen wegen ist er um 7 km/h gefallen - geht eigentlich...


      Heiligabend 2000

      So früh wie möglich wieder los. Noch bei Dunkelheit gepackt und gefrühstückt (sehr feine und reiche Frühstückstafel), ein paar Semmeln eingepackt als Proviant und dann los. Innerorts sind die Straßen in fürchterlichem Zustand, aber die Belém Brasilia ist in Tocantins überwiegend gut. Nur kamen wir langsam aus dem Staat heraus. Der nächste hieß Maranhão und verspracht nichts Gutes.



      Kurz vor der Staatsgrenze Tocantins - Maranhão...

      Noch am frühen Vormittag hatten wir die Grenze passiert und kamen auch in die erste Polizeikontrolle seit Afrika. Ich wurde nach Waffen gefragt, mit den Papieren konnten sie eh nichts anfangen, mit dem Kennzeichen noch weniger. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß wir Touristen und keine Terroristen waren, ließen sie uns zügig weiterfahren. Zwanzig Minuten später wurde wieder mal vollgetankt. Wie erwartet verschlechterte sich der Straßenzustand zusehends. Allerdings wurde die Straße nicht mehr so schlecht, wie in Goiás. Der Staat Goiás ist nun noch ein relativ wichtiger Bundesstaat, denn er umschließt die Hauptstadt. Aber wie muß es erst im Acre oder in Rorâima aussehen, wo man sicher den Arsch der Welt um seine Zentrale Lage beneiden muß? Schon hier wird mehr als klar, daß die "Transamazonica" höchstens auf dem Papier existiert und warum die Panamericana um Brasilien einen großen Bogen macht. Was man hier so als Straßen zu bezeichnen pflegt, würden wohl selbst die Pygmäen nicht als Trampelpfad zu bezeichnen wagen.
      Und die immerwiederkehrende Geschichte mit dem Amazonas ist auch noch nicht durchgestanden. Offensichtlich befürchtet man in Brasilien, daß die Amerikaner sich des Amazonasbeckens bemächtigen. So suspekt mir Amerikas Politik auch ist, gegen soetwas hätte ich schon mal gar nichts. Denn die Amis würden die "Transamazonica" befahrbar machen, davon bin ich überzeugt. Allerding bin ich leider auch davon überzeugt, daß es sich bei dieser Geschichte um ein Gerücht handelt, erfunden von Leuten, welche Brasilien für wichtiger halten als es ist. Wenn die Amis das Becken haben wollten, dann hätten sie es längst gekauft. Angeblich werfen sie der brasilianischen Regierung vor, sie sei unfähig, sich um den Erhalt des Amazonas zu kümmern. Als ich das hörte, fragte ich mich, wofür die brasiliansiche Regierung nicht unfähig ist. Dabei wird hier doch sogar Wiedraufforstung betrieben.

      "Wiederaufforstung"...

      Die Bäume stehen schön an der Straße, damit sie jeder sieht und verlaufen etwa 5 km der Straße entlang. Daß diese bepflanzte Fläche zwar ewig lang ist, aber nur aus einem schmalen Streifen besteht ist bezeichnend für Politik an sich. Zum Schein etwas hinstellen und das dann möglichst so Lobpreisen, daß man eine große Wirkung erzielt. Minimalprinzip. Das ist wohl in aller Welt Mode. Die afrikanischen Staatschefs sind auf diesem Gebiet wohl die ehrlichsten, denn sie machen keinen Hehl daraus, was sie unter Politik verstehen.
      Es ist nicht so, daß man hier nichts geboten bekäme auf der Strecke, aber das alles ist nicht so sehenswert, daß man extra hinfahren müßte.

      Zwischendurch fehlt mal ein Stück Straße...

      Natürlich wird das nicht repariert, sondern gesperrt und der Verkehr bahnt sich außen herum seinen Weg, was für einen PKW nicht so das Problem ist, aber Busse und LKW haben mit einer immensen Schräglage zu kämpfen. Bis auf ein paar dicke Hunde blieben die Straßen in Maranhão zwar brasilianisch, aber dennoch zügig befahrbar, wenn man sich auf die Schlaglöcher konzentrierte und ihnen so gut das eben ging auswich.

      "An diesem Ort starb der Held der Belém - Brasília, der Ingenieur Bernardo Sowieso."

      Ein Blick auf die Straße genügt und man fragt sich, inwiefern man sich heldenhaft betätigen muß, um soetwas zustande zu bringen. Mal ganz abgesehen davon, daß "Held der Belém - Brasília" einfach albern klingt, im Gegensatz zu "Held der Sowjetunion" oder "Held vom Erdberfeld". Helden findet man in Brasilien überall, auch ein Ayrton Senna ist hier nicht "verunglückt", wie man in Deutschland sagen würde, sondern "für sein Vaterland gefallen", also auch sowas wie ein Nationalheld.
      Eine große Rauchfahne am Horizont kündete davon, daß man sich hier weniger auf die bereits erwähnte Wiederaufforstung, sondern mehr auf Brandrodung spezialisiert zu haben scheint, denn die wird gründlicher vorgenommen. Ja, klar! Die Kühe müssen doch was fressen, sonst kann man sie nicht exportieren und dann verhungern die Großgrundbesitzer. Und da ein Rind mir so einem Urwaldriesen nichts anfangen kann muß Ackerland her. Wenn mich also einer einmal fragen sollte, was aus dem vielen Grün geworden ist, dann sag ich einfach, es habe sich in Rauch aufgelöst.

      "Flamme, empor..."

      Der Stoßdämpfer hinten rechts, an der Grenze Mauretanien - Senegal ausgefallen, erinnerte immer wieder daran, daß er längst ausgewechselt werden wollte. Bei jedem Schlagloch brach das Heck leicht aus und mußte korrigiert werden.
      Gegen Spätnachmittag waren wir endlich im Pará, also sogut wie da, ein paar Kilometer noch. Allerdings kam wieder einmal was dazwischen. Ich hörte es unter der Haube seltsam scheppern, konnte es mir nicht erklären, aber irgendetwas war soeben weggeflogen. Bei einem erneuten Kontrollblick sah ich den Temperaturzeiger kurz vor Rot, die Ladekontroll- und Bremsbelaganzeige leuchteten. Motor aus, Karre ausrollen lassen, dann aussteigen und Schäden feststellen: 17:00 Uhr, km 653.735, Keilriemen gerissen. Kurz vor Dunkelwerden, das ist unangenehm. Verdammt, so kurz vorm Ziel!

      Kleine Unpäßlichkeit...

      Das konnte ich mir nicht erklären, denn der Riemen war erst in Bamako ausgewechselt worden, hatte also nicht mal seine 10.000 km runter. Immer dieser minderwertige Dreck vom ATU...

      Ich werkelte und fluchte, wie ein besessener fast eine Stunde lang, hier nach Einbruch der Dunkelheit zu stehen könnte glatt bedenklich werden. Ein LKW-Fahrer hielt in 100 m Entfernung an und gab uns ein Zeichen, ich ging hin. Ob er was helfen könne? Nein, ist nur der Keilriemen. Ich soll mich beeilen und zusehen, daß wir bald wegkommen, er wartet solange. Ich rannte zurück zum Auto, zog die ganze Schose fest, bedankte mich beim LKW und weiter ging's.
      Eine halbe Stunde später waren wir in Belém. Der Tacho stand auf 653.832 km, heute waren es 1.023 km gewesen, die Strecke Campinas - Belém betrug 2995 km. Zur Feier des Tages wurde mit Deutschland telephoniert, Weihnachten ist hier nicht das Stille Fest, sondern eher das gegenteil. Man feiert auch nicht daheim, sondern auf der Straße, bei allen Häusern sind die Türen offen.


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      Die folgenden drei Wochen verbrachten wir in Belém. Es ist eigentlich eine zwar nicht besonders schöne aber doch angenehme Stadt. Nicht so groß, die umliegende Gegend kann man auch als nett bezeichnen, wenn man denn Grün gerne mag. Mein Fall ist das ja nicht so. Die Tage verbrachte ich hauptsächlich vor Kabelfernsehen und Klimaanlage. Täglich schüttete es für ein paar Minuten. Das ist der klassische Äquatorialregen und der hier angrenzende Regenwald heißt nicht von ungefähr so. Ich hatte auch die Gelegenheit, einmal die eklige, dumpfe, schwüle Hitze zu spüren, die in diesen Breiten im Wald herrscht. Sie schlägt einem förmlich aus dem dichtes, schier undurchdringlich scheinenden Unterholz entgegen. Die vielen Flüsse sorgen auch dafür, daß hier nie etwas trocknet. Zum Glück hatten wir die "kühle" und trockene Jahreszeit erwischt.
      Hier handelt es sich nur um die Ausläufer des Amazonas, alles Sekundärwald, soweit ich das mitbekommen habe. Doch schon tagsüber hört man die Geräusche von tausenden von Viechern, die darin leben und ab und zu sieht man auch exotische Vögel wie den Tucan. Dieser hat im übrigen ein ziemlich bescheuertes Flugverhalten. Wenn man ihn so fliegen sieht, weiß man nie, fliegt der jetzt weiter oder stürzt er gleich ab. Trotz alledem, bin ich wieder froh, wenn etwas weniger Grün den Blick versperrt. "Les amis du Sahara", steht auf dem Auto, der Urwald ist für andere.

      Überall in der Stadt sind die Straßengräben knietief, damit die Wassermassen aufgenommen werden können. Und der Benz hatte auch einen Wassereinbruch im Beifahrerfußraum. Ich versuchte zwar, ihn mit einer Art Kleister zu stoppen, hatte aber keine Chance. Da muß wohl irgendwann geschweißt werden.


      Hier am Strand in Mosqueiro. Die Ilha do Marajó im Hintergrund ist angeblich die Größte Süßwasserinsel der Welt. In Brasilien ist nämlich wichtig, daß alles möglichst groß ist.

      Mit meinem Onkel, Jahrgang 50, zog ich ab und zu durch die Gegend auf der Jagd nach Mangos oder Krebsen. Wenn einem von uns beiden der Unsinn ausging, dann sprang der andere für ihn ein. Bei ihm ist der Jagdinstinkt noch nicht ganz erloschen, ich kann mich erinnern, daß er vor Jahren mal mit meinem Luftgewehr auf die Straße sprang, zwei Tauben schoß und diese dann mit Stumpf und Stiehl aufaß, nachdem er sie auf einem Strohfeuer ohne Topf und allem gebraten hatte. Er versuchte mir auch jetzt beizubringen, was ich tun könnte, um meine Ausgaben für Verpflegung so gering wie möglich zu halten, indem er mir vormachte, wie man Krebse fängt und zubereitet. Natürlich war das eher sinnlos, denn ich lerne das ja doch nie. In Brasilien allgemein und im Besonderen hier in Äquatornähe kann man eigentlich fast nicht verhungern. Daß das einige trotzdem schaffen ist sehr verwunderlich. Hier gibt es eine Varietät an Viechern und Früchten, wie selten irgendwo.
      Was mir bei dieser Krebsfangaktion auffiel war, daß die von uns Europäern seit Jahr und Tag besungene Waldesruh im krassen Gegensatz zu dem Konzert steht, das sich die Waldbewohner hier alltächtlich geben. Sicher nicht so spektakulär wie in den Dokumentarsendungen, aber für einen, der die Westlichen Wälder gewohnt ist doch etwas neu. Mein Onkel, der seine Militärausbildung im Amazonas erlebte meinte, daß das hier die Ruhe selbst wäre. Wie muß es erst im richtigen Dschungel klingen? Na, denn "Gut' Nacht!" Amazonas ist schön und gut, Gott erhalt's - wenn's denn sonst schon keiner tut - zu meinen bevorzugte Zielen gehört es sicher nicht. Allerdings gab es ein gewichtiges Argument, das dafür sprach: Ich stand an der Türschwelle, von hier aus ist es nicht mehr weit, zumindest auf der Karte.


      Als erstes wird ein Stück Fisch, bevorzugt die Chiemen, weil man die umsonst bekommt, über dem Netz befestigt. Danach wird das ganze ins Wasser geworfen. Dann kann man sich unterhalten, ein paar Kippen rauchen usw.
      Ist das Viech gefangen, dann ist es ratsam, ihn so zu fassen, daß er nicht zwickt, denn das tut richtig weh.

      Mit der richtigen Technik ist der Krebs bald unschädlich gemacht und bereit für den Kochtopf.

      Meine halbherzigen Versuche, nach Britisch oder Französisch Guyana, nach Suriname oder auch nur in den Amazonas zu gelangen scheiterten an den fehlenden Straßen.

      Am 13. Januar, 20.000 km nach der Abfahrt in Augsburg war der erste aus Deutschland mitgenommene 5-Liter-Ölkanister leer. Der Ölverbrauch von 0.25 l pro 1.000 km ist damit als gut zu bezeichnen, zumal man berücksichtigen muß, daß das Öl nicht nur für den Motor, sondern auch für die Servopumpe verwendet wurde. Auch Internet ist in Belém mit 1,50 DM pro Stunde sehr billig.

      Als ich erfuhr, daß Besuch aus Augsburg in Campinas ist, wurde uberstürzt zum Abmarsch geblasen.



      --------------------------------------------------------------------------------

      Sonntag, 14. Januar 2001

      Um 6:27 Uhr fuhren wir los. Den gleichen, endlos scheinenden Weg zurück. Drei Tage und dreitausend Kilomter, durch bedrückend grüne Landschaft und auf Straßen in verheerendem Zustand. Das hier ist nicht Libyen, wo das Fahren umso mehr Spaß macht, je länger die Strecke ist. Hier quält man sich durch. Bald waren wir wieder im Maranhão, kamen wieder an jener Stelle vorbei, wo die Straße fehlte. Selbstredend hatte sie sich in der Zwischenzeit nicht von selbst ausgebessert.



      In Imperatriz Dieselfssen und wie wurden wieder von der Polizei kontrolliert. Wieder fragte man mich nach Waffen - ich hatte immer noch keine...

      Gegen Abend leuchtete die Ladekontrolleuchte auf. Kurz danach, wieder um 19:30 Uhr waren wir im Hotel in Guaraí angekommen, 1024 km waren es diesmal. Ich machte mich über die Lichtmaschine her. Regler auswechseln und hoffen, daß es paßt. Auch ein LKW-Fahrer hatte sich hier einquartiert. Ich fragte ihn, ob er nicht einen schlaueren Weg nach São Paulo wüßte, außer über die Belém - Brasilia, denn das sei keine Straße, sondern ein Trampelpfad. Er meinte, es gäbe natürlich einen, nur müßte man dazu die Fähre nehmen, die Straße sei aber wesentlich besser. Ich ließ mir den Weg beschreiben.

      Danach ging ich in die Bar nebenan, um Zigaretten zu holen. Keine Phillip Morris Produkte, soll es hier nur in den großen Supermärkten gaben, ansonsten muß man sich mit dem Kraut von Souza Cruz begnügen.

      "Wo bist Du denn her?", fragte mich der Ladeninhaber.
      "Aus Deutschland, wieso? Sieht man mir das an?"
      "Nee, eigentlich nicht, aber Du warst doch der, der in diesem sonderbaren Auto mit dem ausländischen Kennzeichen vorhin ins Hotel gefahren ist, oder?
      Hab noch zu meinem Sohn gesagt: 'Schau, da kommt der Che Guevara.
      Dachte, vielleicht an Argentinien. Soso... aus Deutschland, also.
      Das ist doch das, was neben Japan ist, oder?"
      "Nein, nicht ganz, Japan ist sehr weit weg von Deutschland."
      "Ach, stimmt, das habe ich verwechselt, es ist ja die Schweiz, die neben Japan ist!"
      Nun gut, frag mich einer, wo Kambodscha liegt, dann kommt was ähnlich originelles dabei raus...


      Montag, 15. Januar 2001

      Wir fuhren um Sieben los, die Ladekontrolleuchte brannte immer noch. Alle Verbraucher blieben daher aus. Wir nahmen Kurs auf Paraíso do Tocantins, von dort fuhren wir noch etwa 100 km auf der Belém - Brasília weiter und bogen dann auf eine unerwartet gute Straße in Richtung Palmas do Tocantins ab. Wenn die restliche Strecke so bleiben würde, dann gäbe es nichts zu meckern.


      Die Straße nach Paraíso.

      Was fehlt, ist die Beschilderung. Die Brasilianer haben die seltsame Angewohnheit, ganze Romane auf Schilder zu schreiben, gerade so, als würde das überhaupt jemand lesen, wenn da steht, man möge bitte nicht den Müll aus dem Fenster werfen oder, daß es verboten ist, am Steuer einzuschlafen und ähnlichen Schwachsinn. Wenn sie sich anstatt dessen mal um Entfernungs- und Richtungstafeln kümmern würden, dann würde man ihnen nicht gerade aus Absicht den Müll auf die Straße werfen. Der gröbste Unfug aber sind die Schilder mit der Aufschrift: "Die Beschilderung zu beschädigen ist ein Verbrechen." Welche Beschilderung denn? Das ist mit den Schildern ähnlich, wie mit der Bürokratie: keines von beiden ist Selbstzweck.

      Um nach Paraíso do Tocantins zu gelangen mußte man eine Fähre nehmen, wie der LKW-Fahrer am Abend zuvor schon sagte. Das wird mit ein Grund dafür sein, daß man plötzlich sogut wie keine LKW mehr sieht, denn die Fähre ist nur für Motorräder und Autos. Da fährt es sich gleich viel angenehmer, ohne ständig von LKW überholt zu werden oder diese selbst überholen zu müssen, was ja noch viel nerviger ist, zumal die hier Teilweise über 20 Meter lang sind.


      Diese Fähre unterscheidet sich kaum von denen, die wir in Gao oder Djenné genommen hatten.

      Nach ein paar Kilometern war Palmas erreicht. Palmas ist eine relativ neue Stadt, wie auch der Staat Tocantins, dessen Hauptstadt sie darstellt. Die Straßen und Plätze sind in Ordnung und man würde nicht glauben, daß das hier Brasilien ist, wenn man nicht selbst hierhergefahren wäre und wenn es eine Beschilderung gäbe. Wir hielten, nachdem wir und zigmal durchgefragt hatten, auf einer guten Landstraße auf Brasilia zu, die nur dadurch nicht als "sehr gut" bezeichnet werden kann, weil die Ortsdurchfahrten aus Schlagasphalt bestanden. Irgendwo kamen uns etwa 30 - 40 Leute in der Gruppe entgegen und wir wunderten uns noch, was das denn sein sollte. Die letzte Ortschaft ist schon ein gutes Stück weg und die nächste ist auch noch lange nicht in Sicht. Es handelt sich nicht um hunderte von Kilometern, aber für einen Gruppenausflug mit Gepäck dann doch ein wenig weit.

      Das war des Rätsels Lösung...

      Denen ist wohl der Bus unterm Hintern weggebrannt. Verluste scheint es keine gegeben zu haben, aber seltsam ist das doch.
      Es wurde wieder auf Sommerzeit umgestellt. Wir kamen durchs Alto Paraíso de Goiás. Hier ist die Landschaft schon wesentlich ansprechender. Es erinnert ein wenig an Norwegen, wenig Grün, Ebenen, bewachsen mit Sträuchern und Büschen, kaum Bäume. Schon nett, hier oben.


      Die Landschaft im "Alto Paraíso de Goiás"...

      Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn es in diesem riesigen Land nicht auch schöne Landschaften gäbe. Man muß sie eben nur suchen. Allerdings lohnt sich die Mühe nicht wirklich, zumal dann nicht, wenn man im Süden wohnt und es bis zum wesentlich viefältigeren Argentinien nicht weit ist.
      Mit den LKW auf dieser Strecke scheint es auch Probleme zu geben. Immer wieder mal lag oder stand ein verunfallter LKW am oder im Straßengraben. Ich schätze, das könnte an den nicht vorhandenen Kontrollen auf dieser Strecke liegen. Wir sahen nirgendwo eine Wage oder ein Kabuff von der Straßenpolizei. Daher dürfte hier etwas großzügig sowohl mit dem Gewicht der Ladung als auch mit den Pausen zugehen. Was dabei passieren kann, haben wir gesehen.

      Wo dieser Scania dagegengefahren ist, das wüßte ich auch gerne...

      Manches mal sieht so ein Verunglückter LKW so bescheuert aus, daß es offensichtlich ist, daß der Fahrer wohl entweder eingeschlafen oder zu 120% behindert ist. Anders kann man sich schießlich nicht erklären, wie sowas zustandekommt.


      Wie sagte mal ein Mathelehrer der Berufsoberschule?:
      "Pennst? Bist 'n Penner, was..?"

      Gegen halb sieben passierten wir den "Distrito Federal", den Großraum der Hauptstadt. Die ist, wie schon erwähnt, ein teurer Witz und außer vielleicht für Leute sehenswert, die an moderner Architektur interessiert sind, und selbst das möchte ich bezweifeln. Wir fuhren durch und waren wieder auf der Straße, auf der wir uns am Herweg verfahren hatten. Diesmal fanden wir aber den Weg gleich, weil São Paulo nun mal als eigentliche Hauptstadt und Wirtschaftszentrum angeschrieben steht.
      Wir fuhren noch bis 21:30 Uhr weiter und blieben dann in Cristalina übernacht. 1210 km waren wir heute gefahren, das war die höchste Tagesleistung. Von Cristalina aus nach Guaraí sind es 1210 km, über Anápolis sind es 1341 km. Das spart 131 km und die Straße ist gut, der Verkehr gering, die Landschaft zwar nicht überragend, doch sie bietet auch etwas, LKW gibt es da zwar, aber die meisten liegen ohnehin im Graben, so daß sie nicht weiter stören.


      Dienstag, 16. Januar 2001

      Um halb Sieben hieß es wieder "Let's hit the road". Jetzt war es nicht mehr weit, um 13:20 Uhr wurde noch einmal Diesel aufgenommen und schon um 16:00 Uhr waren wir wieder in Campinas. Der Besuch war noch nicht entfleucht. Ein paar tage später brachte ich sie an den Flughafen von São Paulo. Auf dem Rückweg von dort sah ich den ersten 123er in Brasilien. Mir wurde erst nach einem Augenblick klar, daß der Anblick einer solchen Kiste hier gar nicht so selbstverständlich ist, wie im Rest der Welt, daher mußte ich sofort anhalten, zumal die Karre auch stand. Ich fragte, ob ich was helfen kann. "Nö, ich warte nur auf jemanden." Aha, direkt an der Autobahn. Nun gut. Wir kamen ins Gespräch, er wollte wissen, wo ich herkomme und ich wollte wissen, in welche Werkstatt er das Auto bringt. Er war Israeli und hatte das Auto vor Jahren irgendeinem Diplomaten abgekauft. Er hätte gar nicht gedacht, daß die Kisten so robust seien, daß man mit denen so weit und sorglos reisen könne, dann hätte er ja den richtigen Kauf gemacht. Hergeben will er ihn nicht, denn die Wahrscheinlichkeit, daß ihm einer dieses Auto klaut ist gleich Null. Er schrieb mir die Adresse einer Werkstatt in Sau Paulo auf, an die ich mich wenden könnte. Wir verabschiedeten uns und fuhren weiter, nachdem sein erwarteter Besuch eingetroffen war.



      "Man kann nicht stets das Fremde meiden,
      Das Gute liegt uns oft so fern.
      Ein echter Jude mag keinen Deutschen leiden,
      Doch seine Autos fährt er gern..."


      Kilometerstand bei Ankunft: 659.207 km
      Gesamtstrecke: 8.370 km




      --------------------------------------------------------------------------------

      Quelle mit Fotos: http://www.mercedes124.de/besold/html/oldindex.html

      Angehängte Dateien
    • #2

      Ein PROLL auf Reisen


      da sich der Autor schon selbst im richtigen Licht darstellt, braucht es eigentlich keinerlei Kommentare:

      Zitat aus seinem Brasilien 2001 Bericht ;

      Ich flog als erstes von dieser Schule und ging bis auf die nächste. Die hatten aber auch bald die Faxen dicke und ich hatte noch für ein halbes Jahr das Vergnügen, eine brasilianische Volksschule zu besuchen, weil keine andere bereit war, mich zu nehmen. Er flog erst ein wenig später raus. Ich ging nach Deutschland auf das Internat, "die Patres werden Dir schon Marnieren beibringen", hieß es. War einmal. Während der Inquisitio Sancta, vielleicht. Heutzutage können die einen auch bloß von der Schule werfen, anstatt einen zu schleifen, daß ihm der Arsch mit Grundeis geht. Äußerst unsportlich... Und während ich also in Deutschland von einer Schule zur nächsten flog, tat er hier in Brasilien das gleiche. Mit dem kleinen Unterschied, daß er im Gegensatz zu mir irgendwann einen Abschluß in der Hand hatte

      Trotzdem fuehlt sich klein Besold mit Euronen und Auto mit Stern der restlichen Welt ueberlegen.... ein echter Doidone aus Alemanha

      Kommentar

      • #3

        Zitat von Anonymous
        Ein PROLL auf Reisen
        da sich der Autor schon selbst im richtigen Licht darstellt, braucht es eigentlich keinerlei Kommentare:
        Na ja, jeder Reist halt so wie er es mag. Der Schreiber erinnert mich etwas an eine Bekannte, die mit IHrem Ehemann nach Brasilien zog und dort zwei Jahre in einem Auslaenderghetto wohnte. Als sie zurueck nach Deutschland kam beschwerte sie sich, dass sie nicht in die brasilianische GEsellschaft eingegliedert war.

        Bleibt die Frage, warum in der Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Fuer unseren Schreiber waere vielleicht der Nuernbug Ring die bessere Loesung im Vergleich zu Brasilien gewesen.

        Jedem das seine. Warum er seine Erguesse noch hier im Forum ablassen muss bleibt sein Geheimnis.


        Gruss Yens

        Kommentar

        • #4

          Also ich find den Bericht gut. Klassischer Road-Movie
          eben. Ob Proll oder nicht sei dahingestellt und ist
          auch am Thema vorbei.
          Besold, ich hoffe die Karre rollt noch immer und du
          schreibst weiter darüber!

          Kommentar

          • #5

            Super Bericht!!!

            Endlich mal einer, der dieses Land so beschreibt, wie es wirklich ist...

            Bitte mehr!!!!

            Kommentar

            • #6

              So isses !

              Zitat von sacocheio
              Super Bericht!!!

              Endlich mal einer, der dieses Land so beschreibt, wie es wirklich ist...

              Bitte mehr!!!!


              Genau "So isses !" :twisted:



              Jürgen vor der K :wink: Lippe

              Kommentar

              • #7

                Hallo Augschburger,

                hast dir viel Mühe mit deinem Reisebericht und mir beim Lesen viel Spaß gemacht. Ein interessanter und humorvoller (also klasse) Reisebericht. Abgesehen davon kommt viel Information mit rüber. Langweiliges Reiseberichtszeug gibts doch eh genug zu lesen, d.h. ich will´s oft schon gar nicht mehr lesen.


                Und nun zu den Gästen: Also, es braucht sich ja nicht jeder, der nur mal wissen will, ob er er für Fortaleza ein Mückennetz braucht, gleich im Forum anzumelden. Aber, wer mitreden, Reiseberichte beurteilen und wie im Falle "Proll" seine geistigen Exkremente abgeben will, der sollte sich das vielleicht erst mal überlegen.

                Kommentar

                • #8

                  Wenn das ne Frau geschrieben haette wuerde ich fragen

                  ist die blond ?

                  Kommentar

                  • #9

                    Fuer alle PROLL-fans

                    hier gibts noch mehr Dummloads

                    http://www.mercedes124.de/besold/html/oldindex.html

                    und nach Wilhem Busch :

                    Ach, die Welt ist so geräumig,
                    Und der Kopf ist so beschränkt!

                    Kommentar

                    • #10

                      Nicht nur, dass es auf

                      http://www.mercedes124.de/besold/html/oldindex.html

                      noch mehr Berichte gibt; der obige liest sich auf der original Homepage eh besser, da dort die Bilder eingebunden sind. Einige Kommentare in dem Bericht, wie er hier gepostet wurde, beziehen sich auf die Bilder.

                      Ansonsten: wer so schreibt, mit Stil und Ironie, gepaart mit Humor und etwas Sarkasmus, der ist ganz bestimmt kein "Proll". Das sind höchstens "Gäste" die die eben genannten Elemente nicht verstanden haben.

                      Ich jedenfalls hab köstlich gelacht, während meine Ursinha mit der Zeit etwas "granteliger" wurde, weil ich ihr erzählte worum es ging...

                      Munter bleiben
                      sagt der Ursinho
                      der Morgen auch ne längere Fahrt antritt
                      Rio de Janeiro ist eine Drecksstadt...

                      Kommentar

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