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In Bahia schält sich Europa wie eine Zwiebelhaut ab

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      Urlaub in Salvador und an der Kokosnussküste Brasiliens heißt Trommelwirbel bei Capoeira und Traumstrände unter Palmen


      Wenn Brasilien bereits beim Start der Boing 767 auf dem Frankfurter Flughafen beginnt, liegt es an der Sitznachbarin. Platz 41 C nimmt majestätisch Easa ein. Ein attraktiver, femininer Mann mit giraffenlangen Wimpern, waghalsig manikürten Fingernägeln, riesigen Füßen und Bartstoppeln im Gesicht. Easa erweist sich als Glücksgriff: Bei widerspenstigen Turbulenzen, wenn die Condor-Maschine wie ein nasser Sack in 13000 Metern an Flughöhe verliert, liegt ihre Hand beruhigend auf dem Unterarm. "Überm Atlantik ist halt der Wind ein wenig stärker."

      Wunderbar: Die Brasilianerin ist ein flugerfahrener Reise-Profi. Zu ihren zutreffenden Prognosen gehört auch, dass man Salvador mögen werde. Nicht einzuhalten ist einer ihrer vielen gut gemeinten Tipps: Meide die Sonne zwischen zehn und 15 Uhr. Dafür sind die Tage in der Region Bahia zu kurz. Um 19 Uhr ist es südlich des Äquators bereits stockfinster und die Region mit ihrer pulsierenden 2,4 Millionen Einwohner Metropole Salvador, den traumschönen Tropenstränden, dem Hinterland mit seinen Tabakpflanzungen und Kakaoplantagen für vergeudete Stunden zu spannend.

      Nach einem Zehn-Stunden-Flug eröffnet sich eine andere Welt. Bei 36 Grad schält sich Europa wie eine Zwiebelhaut ab, die Kälte des Winters, die verbiesterten Gesichter. Olà Brasil. Das fünftgrößte Land der Welt mit seiner 7000 Kilometer langen Atlantikküste gibt sich klösterlich überschaubar im Hotel "Convento do Carmo". Mitten in der Cidade Alta, der Oberstadt Salvadors, meditieren schon lange keine Mönche mehr. In dem ehemaligen Karmeliterkloster aus dem späten 16. Jahrhundert logieren heute Gäste - nicht bescheiden-fromm, sondern mit den Behaglichkeiten eines nach der Landeskategorie ausgezeichneten Fünf-Sterne-Hauses. Tiago Carneiro de Almeida, Manager der Pousada, lädt zum Begrüßungs-Champagner an der Hotelbar in den Arkaden, wo der von Palmen umsäumte (tagsüber zum Pool umfunktionierte) Brunnen plätschert.

      Vorwitzig linst das Firmament ins Atrium. Hier lässt es sich trefflich über die touristischen Vorzüge der Region Bahia plaudern. Kein Tsunami, ganzjährig angenehme Temperaturen, lediglich vier Stunden Zeitdifferenz zwischen Deutschland und Brasilien, wirtschaftlich relativ stabile Verhältnisse und wegen der portugiesischen Kolonialzeit eine eher europäische Kultur, bereichert von den afrikanischen Wurzeln der Menschen. Über die Elendsviertel, die Favelas, die riesige Kluft zwischen Arm und Reich, die scharf bewachten käfigähnlichen Wohnparks spricht keiner - noch nicht.

      Und was ist mit der Gewalt vor Ort, vor der auch in Deutschland gewarnt wird? "Lasst die Kameras in den Hotelsafes." Falko Petzold, ein Berliner, den es vor acht Jahren nach Brasilien verschlagen hat, ist nicht nur ein Mann der klaren Worte, sondern auch unser Reiseleiter. Letztendlich ignorieren (im nachhinein unbereut) alle seine Warnung, als es am nächsten Morgen zum Lavagem do Bofim geht. Bei dem bedeutendsten religiösen Fest in Salvador pilgern Tausende von Anhängern der afrobrasilianischen Candomblé-Religion sechs Kilometer durch die Stadt. In strahlend weißen Festtrachten gekleidet, so will es der Brauch, waschen die Priesterinnen und ihre Helfer die Freitreppen der Bonfim-Wallfahrtskirche mit parfümierten Wasser und schmücken sie mit Gladiolen und Chrysanthemen für Gott Oxalá. Die vielfach beschworene positive Energie Brasiliens ist bei der Prozession deutlich spürbar. Beim anschließenden Volksfest, bei dem Bier und Schnaps in Strömen fließen, wird sie geradezu ekstatisch.

      Bei Licht hat die Gegenwart die koloniale Vergangenheit noch lange nicht unter sich begraben. In der Altstadt Salvadors, seit 1992 als Weltkulturerbe der Unesco aufwändig saniert, bröckelt´s dennoch. Die Barockstadt, die reich an Kulturschätzen, Palästen, der stattlichen Zahl an Klöstern und 76 Kirchen ist, verliert wieder Farbe, überwuchert teilweise immer stärker von tropischen Pflanzen. Zu sehr nagt das südatlantische Klima an den Fassaden des Juwels der Kolonial-Architektur. Trotzdem geht an der Catedral Basílica mit der prachtvollen Innenausstattung, der "Goldenen Kirche", dem Convento e Igreja Sao Francisco, und natürlich dem Altstadtviertel Pelourinho mit den alten mehrgeschossigen Sobrado-Häusern kein Weg vorbei.

      Ein einzigartiges Flair verleiht Salvador, das einen mehrtägigen Aufenthalt lohnt und den größten Straßenkarneval der Welt bietet, die afrobrasilianische Musik. Von der Haarspitze bis zur Sohle durchtrainierte Capoeira-Tänzer wiegen sich schlangenartig bei der typischen Ginga-Bewegung und steigern sich schließlich in einen artistischen Radschlag, eine Schraube oder einen "Korkenzieher", den Sacarolha. Ihr Tempo, wie bei der "Grupo Mandinga" mit Meister Sabia, ist atemberaubend. Die Körper sind elastisch wie Gummi.

      Capoeira, ein brasilianisches Tai Chi? Solche Vergleiche lässt Meister Sabia nicht zu. Capoeira ist mehr, nicht zu vergleichen mit anderen Kampfsportarten, hat "seine eigene Ethik" und ist "demokratisch". Einst von afrikanischen Sklaven praktiziert, stellt Capoeira einen Kampftanz dar, musikalisch untermalt von Perkussionsinstrumenten wie Berimbau, Pandeiro und Agogo, einer Doppelglocke aus Metall, die sich zu einem Endlos-Rhythmus in verschiedenen Variationen fügen.

      Capoeira nimmt gefangen, genauso wie überhaupt die Musik Brasiliens. Ihr prominentester Vertreter ist Carlinhos Brown. Der 1,90-Meter-Mann mit den schwarzen Dreadlocks, die er auch bei sengender Mittagshitze unter einer Strickmütze verbirgt, und den brasilianisch-obligatorischen Flip-Flops an den Füßen ist nicht nur ein Komponist, Sänger und Schlagzeuger. Der 44-Jährige ist Sozialarbeiter, Idol der Armen, von dessen Geld auch die Straßenkinder leben, und ein Visionär.

      Im Armenviertel Candeal, das dank Browns Umtriebigkeit zum Nabel afrobrasilianischer Musik geworden ist, initiierte er viele Jugendprojekte wie "Timbalada" mit 120 Instrumentalisten. Brown, der den Duktus eines Predigers hat, kaufte erst kürzlich den "Pilar-Market", den er für das Armenviertel in ein Kultur- und Schulungsviertel umwandeln möchte.

      In der Gegend an der Rua do Pilar mit den steil abfallenden Treppen verirrt sich so schnell kein Tourist. Hier sind die Häuser keine architektonischen Juwelen, sondern provisorische Behausungen aus Holz, die sich zu einem unwirklichen Konstrukt verschachteln. Auf den Straßen türmt sich der Müll. Hunde und Hühner laufen frei herum. Es ist auch das Reich von Dona Maria, einer kleinen Frau von 1,55 Meter, deren Kleider mühsam den hageren Körper verbergen, im undefinierbaren Alter zwischen 35 und 55 Jahren. Sie ist die Chefin der "Associacao dos Moradores de Santa Luzia do Pilar".

      "Präsidentin", sagt sie in stolzer aufrechter Haltung und lacht. Die selbstbewusste Fröhlichkeit eines Menschen, der kaum einen Real in der Tasche hat, verschlägt die Sprache. Wenige Meter entfernt regiert Gigantomanie: Vorbei geht es an der riesigen Mall, dem "Salvador Shopping" mit 1100 Läden, wo entweder die Oberschicht oder Touristen solventer Nationen kaufen.

      An diese Zielgruppe richtet sich auch die Churrascaria "Villas" im Stadtteil "Jardim dos Namorados", dem Garten der Verliebten. Steakhaus ist als Bezeichnung für das Restaurant zu dünn. Gegen einen Festpreis wartet der Gast bei der "Rodizio" auf den Ansturm der Kellner, die Fleischspieße aufstellen und säbeln, Würstchen auf den Teller schaufeln, Huhn und Gambas, gesüßte Bananen und Palmenherzen. Ein kulinarisches Bacchanal. In den Tagen darauf kann man kein Fleisch mehr sehen.

      Süße Alternativen gibt es satt: Beim Verzehr von Papayas, Ananas und Mangos kommen Gedanken an den Garten Eden auf, der in nördlicher Richtung von Salvador Kokosnussküste heißt. 70 Kilometer entfernt liegt der Ort Praia do Forte. Ein klassisches Reisedomizil, wo das größte brasilianische Zentrum des Tamar-Projekts zur Erhaltung der Meeresschildkröten liegt, das jedoch in seiner überschaubaren Ausstattung nicht mit einem europäischen Aqua-Zoo zu vergleichen ist. Die weißen Stränden werden von Kokospalmen gesäumt. Einsame Plätze am Meer sind garantiert. Denn erstaunlich viele Urlauber ziehen den munter-musikalisch beschallten Pool mit seinem badewannenwarmen Wasser vor.

      Die Brasilianerin Easa aus der Condor-Maschine sollte recht behalten: "Pass auf", sagte sie, "du möchtest nicht mehr zurück".
      http://www.az-badkreuznach.de/reise/...kel_id=2761623
      Angehängte Dateien

    • #2
      sidlich des ekwators

      Pittoreske Story, romantisch angehaucht mit sehr weit hergeholten klösterlichen metaphern, einfach nett. Nur! auch nördlich des Äquators wirds um 18 Uhr dunkel und dass das ganze Jahr, vorausgesetzt man ist nahe genug dran an ebenjenem.

      o que eu fiz até hoje ninguem faz, o que me falta fazer mais.


      Opiniões
      diretamente do Ceará
      Sabe o que eu acho? Eu acho coisas perdidas!

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      • #3
        Der Artikel ist abgeschrieben und zusammen gefasst worden. Er ist bereits ausführlicher im Berliner Tagesspiegel am 29.01.2007 veröffentlicht worden.
        http://www.tagesspiegel.de/reise/arc...07/3042423.asp
        Günter

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