Auf den Spuren der »Todesbahn« in Brasiliens Dschungel

Porto Velho (dpa/gms) - Die Szene mutet gespenstisch an. Üppig überwucherte Gleise führen in eine grüne Höhle, auf anderen Schienen verrotten im feuchtheißen Dschungelklima alte Lokomotiven.

Nur dieser Friedhof der Dampfrösser und die zum Museum umfunktionierten früheren Stationsgebäude der Amazonasstadt Porto Velho erinnern an eine Eisenbahn, die als »Todesbahn« in die Geschichte eingegangen ist: Beim Bau der »Estrada de Ferro Madeira-Marmoré« starben Tausende.

Ganz vergessen ist die Bahn jedoch nicht, die bis 1972 auf der 366 Kilometer langen Strecke vom Madeira-Fluss in die Stadt Guajará-Mirim am Marmoré-Fluss verkehrte. »Etwa 3000 Besucher kommen monatlich nach Porto Velho«, erzählt der Experte Xavier Bartaburu. Der Weg in den Westen Brasiliens ist nicht einfach. Einzelreisende sollten gut Portugiesisch sprechen und flexibel sein. Gruppenreisen werden meist von Eisenbahnfans organisiert.

In Porto Velho, der Hauptstadt des Bundesstaats Rondonia, hoffen nur wenige auf eine Renaissance der Bahn. »So ein Projekt würde einen höheren Millionenbetrag verschlingen, der wirtschaftliche Nutzen wäre gering«, sagt Vania Barbosa von der Stadtverwaltung. Im Jahr 1981 gab es Versuche einer Wiederbelebung als Touristenattraktion: Bahnfans konnten von Guajará-Mirim bis nach Iata fahren. Zehn Jahre später kam der Zug aufs Abstellgleis. Von Porto Velho verkehrte bis 1999 eine Garnitur bis Santo Antônio - bis eine der Brücken zusammenbrach.

Die heute noch lebenden ehemaligen Bahnbeschäftigten erinnern sich gern an die »große Zeit«, obwohl sie kaum von einfacher Arbeit sprechen können. »Ich habe auf jeder der 22 Lokomotiven gearbeitet, die hier im Einsatz waren«, sagt Dionísio Shockness, drei Jahrzehnte lang Heizer und Maschinist.

Vor allem der Kautschuk war der Grund für den Bau der Strecke: Der wertvolle Rohstoff sollte per Zug ein gutes Stück weit in Richtung Weltmarkt gelangen. »Der deutsche Ingenieur Franz Keller hat, wie aus Unterlagen hervorgeht, die Idee der Bahnstrecke im Jahr 1869 entwickelt«, sagt der Historiker Leonildo Alencastro aus Sao Paulo.

Die Geschichte des Baus ist eine des Horrors: Erst im vierten Anlauf konnte die Madeira-Marmoré-Bahn vollendet werden. Drei Mal mussten die Ingenieure und Arbeiter aufgeben: Tropische Unwetter, Moskitoplagen, vergiftete Pfeile feindlicher Indianer, Schlangen und Krankheiten vertrieben sie aus dem noch unerschlossenen Dschungel.

Erst von 1907 bis 1912 gelang der Durchbruch. Doch die Verluste an Menschenleben waren dramatisch. »Offiziell gilt die Zahl von etwas mehr als 6000«, sagt der Historiker Alencastro. Tatsächlich dürften es deutlich mehr gewesen sein. Vor allem die Indianerstämme hatten unter der Invasion der meist weißen Arbeiter zu leiden.

Als der erste Zug am 1. August 1912 dampfte, zogen bereits dunkle Wolken über der »Todesbahn« auf: Der Kautschuk aus Brasilien bekam durch billigere Ernten aus Südostasien Konkurrenz, sein Anteil auf dem Weltmarkt sank rapide. Schon 1930 reichte ein Zug pro Tag, um den Rohgummi nach Porto Velho zu bringen, von wo er zum Atlantikhafen in Belem verschifft wurde. Die Bahn schrieb tiefrote Zahlen.

Geld ist auch heute ein Problem. Es fehlen die Mittel, einige der alten Loks aus Europa und den USA zu restaurieren und am Gebäude der ehemaligen Bahnstation ein aussagekräftiges Museum einzurichten. Wer die Reste der »Todesbahn« noch besichtigen will, muss sich beeilen - der Dschungel überwuchert Gleise und Loks unaufhaltsam.

Informationen: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt (Tel.: 069/21 97 15 57).

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20.01.2006 dpa